Wir laufen und laufen und laufen und laufen

Archiv für 31. Juli 2019

Hendrik zieht ein Fazit: 4 Trails reloaded

Nachdem Manu und ich eigentlich 2013 gemeinsam am 4 Trails teilnehmen wollten, ich allerdings verletzungsbedingt nicht starten konnte, bot sich in diesem Jahr die Chance erstmalig wieder an dem viertägigen Trailevent teil zu nehmen. Das neue Konzept sieht im Vergleich zu den früheren Veranstaltungen etwas kürzere Etappen vor, um so eine breitere Masse anzusprechen. Der 4 Trails fand in diesem Jahr vom 10.07 bis zum 13.07 statt und führte von Seefeld in Tirol über Leutasch, Wildermieming und Nassereith nach Imst. In Summe machten sich 507 Trailrunner und erstmalig 33 Hiker auf, um die ursprünglich geplanten 95,9 km mit 5.714 Höhenmetern im Auf- und 6.080 Höhenmetern im Abstieg zu meistern.

Für mich persönlich war es die erste Trail-Veranstaltung seit der Teilnahme am Transalpine 2012. Die Vorbereitung war im Vergleich zur damaligen Vorbereitung eher semi-professionell: keine Läufe in hügeligen Gebieten, keine Dauerbelastung über mehrere Tage, kein Training in der Höhenkabine. Rückblickend betrachtet stellt sich heraus, dass die schweißtreibenden und zeitintensiven Einheiten, die Manu und ich damals gemeinsam absolviert haben, durchaus sinnvoll und hilfreich gewesen sind.

Gute Laune und voller Tatendrang

Gut gelaunt und voller Tatendrang reisten Lena und ich am 09.07.2019 nach Seefeld, um dort die Startunterlagen entgegen zu nehmen. Wie man es von Plan B schon vom Transalpine Run gewohnt war, war auch hier die Organisation perfekt und äußerst freundlich. Nachdem die Startunterlagen abgeholt waren und das Quartier bezogen war, ging es  abends auf die Rosshütte, um dort dem berühmten Streckenbriefing zu lauschen und die Energiespeicher zu befüllen.

Am Mittwoch um 08:55 bei strahlend blauem Himmel, Sonnenschein und den Klängen von „highway to hell“ ertönte dann der Startschuss und es ging endlich los. Nach einem kurzen Abstecher durch das schöne Örtchen Seefeld ging es gleich steil bergauf. Getragen durch das gute Wetter und einer stetig steigenden Euphorie war ich deutlich schneller am Gipfel als zuvor gedacht. Beim anschließenden downhill wurde mir erneut sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, was einen geübten Trailrunner von einem Straßen- und Waldläufer unterscheidet. Trotz einer für meine Verhältnisse hohe Geschwindigkeit rauschten die anderen Teilnehmer nur so an mir vorbei. Die zweite Steigung des Tages hatte es dann nochmal richtig in sich, so dass ich völlig ausgepowert aber glücklich ins Ziel einlief. Abends ging es dann wieder zur Pasta Party und es gab erstmalig die Fotos und das Video des Tages. Wie schon 2012 eine emotionale, beeindruckende und motivierende Vorstellung!

Der nächste Morgen begann mit der Erkenntnis, dass die Renneinteilung des Vortages taktisch keine Meisterleistung war. Beim Versuch die Koffer von der ersten Etage in das Erdgeschoss zu tragen, melden sich beide Oberschenkel erstmalig sehr deutlich und versprühten keine große Zuversicht. So ging es zum Start der zweiten Etappe, wie immer nach dem gleichen Schema: bei weiterhin recht gutenBedingungen lief die Etappe trotz schwerer Oberschenkel gut an. Dies kippte an dem Punkt, als es hieß die zuvor aufgestiegenen Höhenmeter in die andere Richtung zurück zu legen. So wurde ich an diesem Tag beim downhill von sicherlich 40-50 Läufern überholt und kam mit völlig verhärteten Oberschenkeln und wie auf Eiern laufend ins Ziel. 

Vor der dritten Etappe führte mich mein Weg direkt zu den Physios mit der Bitte irgendetwas für meine Oberschenkel zu tun. Mit einem intensiven Taping wurde versucht zu retten, was noch zu retten war, jedoch mit eher überschaubarem Erfolg. So ging es also mit inzwischen vollkommen verhärteten Oberschenkeln auf die dritte Etappe, die wegen schlechter werdender Wetterverhältnisse „entschärft“ worden ist, was mir und meiner körperlichen Verfassung sehr entgegen kam. Die ersten 2 Kilometer verliefen im flachen Terrain recht zäh, bevor es zu den ersten Steigungen kam. Auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages passierten wir einige Schneefelder und wurden angehalten die Pflichtausrüstung (die in der Tat täglich kontrolliert worden ist) in Form vonMütze und Jacke anzulegen. Das gute Gefühl des erklommenen Gipfels wich sehr schnell der puren Frustration und der Schmerzen beim Weg zurück ins Tal.

Waren es am Vortag noch 40-50 Läufer, die mich bergab überholten waren es an diesem Tag sicherlich um die 100. Gefühlt lief das gesamte Feld an mir vorbei, viele fragten, ob alles ok sei oder ob ich Hilfe bräuchte. Eine Kuh beim Almabtrieb gibt sicherlich ein dynamischeres Bild ab als ich an diesem Tage. Jeder Schritt bergab tat weh, gefühlt hatte ich zunehmend weniger Kontrolle über meine Beine/Füße. Zwischendurch kam der Gedanke auf, dass ich die Etappe nicht zu Ende laufen könne, als mich ca. 7 km vor Schluss eine strahlende Dame im gelben Regencape an der Strecke in Empfang nahm. Statt mir vom Streckenrand aus kurz Mut für die restliche Strecke zuzusprechen, wurde Lena kurzerhand „verpflichtet“ mich bis zum Ziel im strömenden Regen zu begleiten 😉. Gemeinsam quälten wir uns Meter um Meter Richtung Ziel, um es schlussendlich mit einer Mischung aus Schmerz, Frust, ein wenig Stolz und einer großen Portion Dankbarkeit für die Begleitung, auch zu erreichen. 

Der weiterhin existierende Gedanke an Aufgabe wurde spätestens auf der Abendveranstaltung eliminiert. Als wir mit vollem Tablett nach einem freien Platz suchten, wurden wir von 4 netten Herren heran gewunken. Die netten Herren entpuppten sich als „die Hügelhelden“ vom Niederrhein, die mich gemeinsam mit Lena mit neuer Zuversicht und Motivation zurück auf die Spur brachten.

Am Samstag hieß es dann nochmals Kräfte bündeln, um auch die letzte Etappe zu meistern. Bei stetig besser werdenden Bedingungen verlief die Etappe ähnlich wie die beiden Tage zuvor, wobei das nahende Tour-Finish nochmal ein paar Kräfte frei setzte. 6 Kilometer vor Schluss, kurz nach der letzten Verpflegungsstation, kam Lena mir erneut entgegengelaufen, um mich auf den letzten Kilometern zu begleiten, so dass wir gemeinsam bei inzwischen wieder blauem Himmel und Sonnenschein in Imst ins Ziel einlaufen konnten. Immer und immer wieder ein tolles und einzigartiges Gefühl!

Wie fällt nun mein persönliches Fazit nach den 4 Tagen aus?!? Es waren für mich 4 Tage mit Licht und Schatten. Negativ war sicherlich die Kombination aus einer eher schlechten Vorbereitung auf die Veranstaltung und einer äußerst schlechten Aufteilung der Kräfte. Durch die vollkommene Verausgabung auf der ersten Etappe, habe ich mir selbst sehr viel kaputt gemacht und konnte die Folgetage nicht so angehen und genießen wie ich es gern getan hätte. Stattdessen habe ich mich mehr oder weniger über die Berge geschleppt und mich durch die Etappen gequält. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht und davon gab es sogar einiges: Angefangen bei der perfekten Organisation, den tollen Strecken und Landschaften, den atemberaubenden Bilder und Videos, dem tollen Zusammenhalt unter den Läufern bis hin zu dem Menschen, ohne den ich die Serie wohl nicht ins Ziel gebracht hätte, hierfür nochmals meinen herzlichen Dank!

Aus meiner Sicht eine wirklich tolle Laufveranstaltung und ideal für jeden Läufer, der Interesse an einem mehrtägigen Laufevent im Gebirge hat. Die Strecken sind einerseits anspruchsvoll und landschaftlich sehr reizvoll, anderseits sind die Tagesetappen mit max. 25 km auch für weniger geübte Läufer machbar.