Wir laufen und laufen und laufen und laufen

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Pflicht-Programm in Boston

In wenigen Tagen startet der Marathon mit der längsten Tradition (seit 1897) außerhalb der Olympischen Spiele, der Boston-Marathon. Im vergangenen Jahr hatte ich das Glück, diesem außergewöhnlichen Spektakel aktiv beiwohnen zu können.

Der Umstand, nur ein paar Tage zu haben, aber möglichst viel zu erleben, brachte mit sich, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das macht mich nicht zwingend zum Boston-Experten, ein paar absolut subjektive Tipps habe ich aber schon in petto. Lest hier, was ihr auf keinen Fall verpassen dürft.

  1. Der Freedom-Trail

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Das Wohnhaus von Paul Revere.

Schöner (und einfacher) kann man eine Stadt nicht entdecken. Auf vier Kilometern lernt man nahezu alle interessanten Sehenswürdigkeiten in Boston kennen. Das sind mal große, mal kleine Schätze, und zahlreiche eignen sich dabei für einen längeren Stopp oder eine spätere Rückkehr. Bei mir war das die Park Street Church mit dem Granary Burying Ground, die King’s Chapel samt King’s Chapel Burying Ground, Faneuil Hall und Quincy Market, das Wohnhaus von Paul Revere, der Copp’s Hill Burying Ground, die USS Constitution samt Museum und das Bunker Hill Monument.

 

  1. Adidas Runbase

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In der Adidas Runbase.

Quasi direkt gegenüber der Marathonmesse und ein absolutes Muss. Hier gibt’s nicht nur die saugeile Artikel von Adidas (die meisten gibt es auch auf der Messe), sondern auch zahlreiche Ausstellungsstücke. Die Runbase bietet dazu in den Tagen vor und nach dem Marathon viele Events an, es lohnt sich also ein Blick ins Programm.

 

  1. Ein Besuch im Fenway

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Life @ Fenway

Baseball ist und bleibt ein Geheimnis für jeden Europäer. Trotzdem lohnt sich ein Besuch bei einem der Spiele der Red Sox. Nicht wegen der sportlichen Aspekts, sondern einfach nur wegen des Drumherums. Über die offizielle Website bekommt man eigentlich immer noch Tickets, zur Not hilft aber auch Stubhub (eine Seite, auf der Dauerkarten-Besitzer ihre Tickets, die sich nicht benötigen, an den Mann bringen). Ihr bekommt, neben dem Sport, aber allerhand Möglichkeiten, euch an Boston zu gewöhnen. Zu allererst an die vielen tollen Menschen. Recht schnell werdet ihr nämlich als Baseball-Laie erkannt, und schwupps, habt ihr Personen um euch herum, die versuchen, die Geheimnisse des Spiels zu entschlüsseln. Das klappt mehr schlecht als recht, aber was auf jeden Fall klappt: Ihr habt Anschluss. Ab da bekommt ihr nen Bierchen (oder holt eins – für lumpige zehn Dollar), ihr werdet fotografiert, ihr jubelt und verzweifelt, ihr versucht, den Ball zu fangen – schlicht: Ihr seid einfach mit dabei. Super! Nach dem Spiel lohnen sich die vielen Bars um das Stadion, hier ist immer etwas los.
Übrigens: Irgendwie bekommen es die Red Sox immer so hin, am Marathon-Tag ein Heimspiel zu haben. Das wird genau so terminiert, dass die Fans aus dem Stadion an die Strecke strömen und euch zujubeln. Geiler geht’s nicht.

 

  1. Back Bay

Oh wie toll ist Back Bay und wie toll die Newbury Street. Viele kleine schnucklige Lädchen (mit zum Teil heftigen Preisen) und die beste und tollste Eisbude, die ich jemals gesehen habe: Emack & Bolios. Natürlich kann man hier shoppen bis zum Umfallen, ein paar Blocks weiter ist es dann aber wieder urgemütlich und entspannend (Commonwealth Ave).

5. Der letzte Lauf

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Treppchen rauf, Treppchen runter!

Für den letzten lockeren Lauf eignet sich die Charles River Esplanade oder die unglaublichen Sportanlagen rund um das monumentale Harvard Stadium. Auch wenn es eigentlich nichts mehr bringt: Hier einmal wie die unglaublich fitten Studenten die Treppenstufen hoch und runterjagen, ist schon geil. Harvard an sich (auf der anderen Seite des Charles River) hat mich jetzt nicht so geflashed, wie ich erwartet hatte. Okay, es ist nett, aber kein Muss. Es sei denn, man ist auf der Suche nach einem heißen College-Mädel. Davon laufen dort ne Menge rum, Näschen aber natürlich häufig etwas arrogant nach oben geliftet.

Noch was: Achtet auf die Straße. Anders als in Deutschland haben es die Amis nicht so sehr mit Straßensanierungen. Da kann es auch schon einmal passieren, dass man stürzt.

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  1. Beacon Hill

imageFast hätte ich das Glück gehabt, hier im vergangenen Jahr zu wohnen. Das Angebot über Airbnb zerplatzte dann leider einige Tage vorher. Mann, ist das schön hier. Lohnenswert (und kurzweilig) ist der Black History Trail, der wieder in die Geschichte eintaucht.

 

  1. Bierchen im McGreevy‘s

Uuuuh, Boston und die Biere. Das ist so schön, darf aber natürlich erst nach dem Lauf so sein. Ich empfehle auf jeden Fall ein köstliches IPA, und ein Muss ist natürlich das Marathon-Bier von Samuel Adams. Pssst: Ein paar Gläser habe mir ich mir auch schon vorher gegönnt. Und zwar auf der Bolyston Street. Hier gibt das McGreevy‘s, ein Muss für jeden Sport- und Musik-Fan. Sport ist klar, aber warum Musik? Nun, die Pinte gehört Ken Casey von den Dropkick Murphys. Aber auch links und rechts dieser Bar gibt es etliche Möglichkeiten, seinen Lauf Revue passieren zu lassen.

 

  1. Outlet

Jeder will bei seinem USA-Trip in ein Outlet. Ich habe nur eins gesehen, kann das aber empfehlen: Assembly. Gut mit der Bahn zu erreichen, schnell rein und verhältnismäßig schnell auch wieder raus.

 

Und das war es schon. Boston ist nicht groß, und mit Sicherheit gibt es hier und da noch ein paar schöne Ecken, die ich nicht gesehen habe, aber ich hatte das Gefühl, nach den vier Tagen, die ich dort war, viel erlebt zu haben. Lohnenswert kann bei einem längeren Aufenthalt noch ein Ausflug mit der Fähre nach Provincetown sein. Ich hatte dazu leider keine Zeit, nachbetrachtend hätte ich es vielleicht doch machen sollen, anstelle eines Bummels durch Chinatown und des Parkgürtels am Hafen. Aber okay, man muss ja auch noch etwas haben, wenn man ein zweites Mal vorbeischaut.

Euch allen wünsche ich viel Spaß, lasst die Füße qualmen, auf zur PB.

Achso, die vielen Guides über die Marathonstrecke könnt ihr euch sparen, wenn ihr diesen hier nehmt: http://boston.cbslocal.com/guide/mile-by-mile-guide-to-the-boston-marathon/?cid=twitter_cbsboston. Und lasst die Medaille baumeln, zeigt, dass ihr dabei wart. Nirgendwo sonst habe ich erlebt, dass dich Menschen auch noch Tage nach dem Lauf fasziniert betrachten, dir respektvoll zunicken und applaudieren. Great!!!

Der Tag danach

Der Tag danach: Easy!

 


Jetzt aber: Das Boston-Review

Sorry Leute, aber der Umzug ließ leider nicht zu, diese Fazit früher zu schreiben. Und da ich es nicht zwischen Tür und Angel tippen wollte, kommt es nun eben etwas später. Ist aber auch gut so, denn so kann ich diesen geilen Trip noch einmal genießen…los geht’s.

Olympia des Läufers
Der Boston-Marathon, das sei das Olympia des Läufers. Was Meb Keflezighi, der Sieger von 2014, sagt, zeigt den ungeheuren Stellenwert dieses Laufs, der als einziger auf eine solche Geschichte zurückblicken kann. Seit 1897 wird er jedes Jahr ausgerichtet, und er verwandelt die sowieso schon sportverrückte Metropole am Atlantik in ein Läufer-Tollhaus. Daran konnten auch die Bomben-Anschläge von 2013 nichts ändern, bei dem in Nähe der Ziellinie auf der Boylston Street drei Menschen starben und knapp 300 schwer verletzt wurden. Kein anderer Lauf auf der Welt genießt einen solchen Ruf, eine solche Dynamik, nirgendwo sonst wird der Marathon so gelebt wie hier.
Und genau deswegen war es für mich wie eine innere Pflicht, irgendwann einmal an diesem Lauf teilzunehmen. Eine Aufgabe quasi, die wahrlich nicht einfach zu erfüllen ist. Die Boston Athletic Association gibt nämlich strenge Qualifizierungs-Zeiten vor. Mit meiner Zeit vom Barcelona-Marathon im vergangenen Jahr (2:58h) hatte ich diese erstmals geknackt – und wer weiß, ob mir dies noch einmal gelingen sollte. Also: Anmeldung raus.

Eines vorne weg: Es sollte gelingen. Nach bereits 2:54:19h war ich im Ziel, was natürlich persönliche Bestzeit darstellt (mit der ich wohl erneut qualifiziert wäre). Unter den rund 30.000 Startern bedeutet dies Platz 1453 (Gesamt) und in der M35 1112. Zum Vergleich: Mit der Zeit hätte ich in Düsseldorf Rang 48 belegt.
Allein diese Positionierung zeigt, wie „schnell“ dieser Marathon ist. Hier starten nur die Besten, eben weil sie sich qualifiziert haben. Zwar gibt es auch Läufer, die sich über Charity Projekte oder Reiseveranstalter den Traum vom Boston-Marathon erkaufen, doch erfahrungsgemäß sind diese nicht vorne zu suchen, sondern eher in der Mitte oder dem Ende des Feldes.

imageDie Vorbereitung
Blicken wir kurz noch einmal zurück auf die Vorbereitung: Durch unseren Hauskauf und der damit verbundenen Sanierung/Renovierung war recht schnell klar, dass ich den 2.59.59h-Plan von Herbert Steffny nicht voll durchziehen kann. Sechs Einheiten pro Woche lassen sich kaum neben einem solchen Projekt absolvieren. Also legte ich den Fokus auf eine Intervall-Einheit, einen flotten Lauf und einen langen Lauf pro Woche. Alles anderes war Bonus. Insgesamt würde ich behaupten, dass ich dank zahlreicher Trainings in den frühen Morgenstunden trotzdem rund 75 Prozent des Plans absolvieren konnte. Gepaart mit einigen guten Ergebnissen in der Vorbereitung (unter anderem neuer HM-PB) gab mir das immerhin die Gewissheit, in Boston gut durchzukommen, gleichzeitig aber auch die Lockerheit, keiner Zeitvorgabe hinterherhecheln zu müssen. Ein ähnlicher Ritt wie in Barcelona erschien mir nicht realistisch, auch wenn natürlich der Wunsch, wieder unter der 3h-Marke zu bleiben, existierte.

imageAnkunft in Boston
Über Airbnb hatte ich eine schöne Bleibe in Somerville gefunden, fünf U-Bahn-Stationen von Boston-Downtown entfernt. Nach meiner Ankunft am Freitag und dem Check-In holte ich meine Startunterlagen ab. Marathon-Messen haben stets die gleiche Aufmachung, auch wenn es in Boston alles etwas größer war und überall mit der Bedeutung des Laufs geprahlt wurde (nimmt man gerne mit). Adidas überstrahlte mit seinem Shop so ziemlich alles, doch auch andere üblichen Marken versuchten, mit perfekt durchgestylten Souvenirs und Merch-Artikeln die Dollar aus den Besuchern zu quetschen. Mit Erfolg 😉
Den Abend verbrachte ich im Fenway-Park, der Heimat der Boston Red Sox. Rund drei Stunden hielt es mich an dieser traditionsreichen Stätte, während meine Sitznachbarn links und rechts versuchten, mir die Regeln näher zu bringen (je nach dem, wer gerade auf seinen Plätzen war, denn ein Großteil des Spiels verbringen die Zuschauer an den Fressbuden, an denen ein Bier im Plastikbecher mal eben lumpige neun Dollar kostet). Faszination der Amis für diesen Sport hin oder her, so richtig packt mich Baseball weiterhin nicht.

imageSamstag, noch zwei Tage
Den Samstag begann ich mit einem Lauf am frühen Morgen durch Harvard. Während es für mich lediglich darum ging, die Beine ein wenig auszuschütteln und mir den Campus samt Sportanlagen (wow) anzuschauen, hatte es der Großteil der Läufer, die ich traf verdammt eilig. Ich weiß nicht, ob es eine Momentaufnahme war, aber einfach nur so laufen/traben, scheint für viele Amis nicht zu gehen. Fast alle gingen an ihre Grenze bzw. pushten sich enorm und legten dabei eine große Verbissenheit an den Tag.
Den weiteren Tag hatte ich mir zur freien Verfügung gehalten, unter anderem wollte ich mir den Freedom Trail anschauen – eine rote Linie auf dem Boden führt einen spielend leicht zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihrer bewegten Geschichte. Das Resultat: Viel, viel gesehen und zwei dicke Blasen an den Füßen. Der Klassiker eben bei Marathons in Städten, die man sich noch anschauen möchte.
Der Abend endete in einer der vielen Sportpubs bei einem leckeren Burger, vielen Gesprächen mit anderen Läufern und NHL-Eishockey, genauer einem Spiel der Pittsburgh Penguins.

imageSonntag, noch ein Tag
Die Generalprobe ging mächtig daneben: Den kurzen Lauf am Morgen beendete ich mehr oder weniger im Tiefflug: Bordsteinkante übersehen, Sturz, schmerzhafte Wunden an Knie, Hüfte und Ellenbogen. Verdammt. Aber eben passiert.
Nach dem Besuch eines Gottesdienstes in der Trinity Church direkt an der Ziellinie ging es dann nach Worcester zum dortigen Spiel in der AHL. Die heimischen Sharks empfingen die Portland Pirates. Während sich die Sharks am Vortag für die Playoffs qualifiziert hatten, musste Portland noch gewinnen. In dem sehr schnellen Spiel (jeder DEL-Ligist wäre hier untergegangen) hatten die Pirates am Ende die Nase vorn, wenn auch knapp (5:4). Zurück in Boston besuchte ich noch die Pasta-Party im ultrahässlichen Rathaus, und dann ging es ins Bett.

 

IMG_3651Raceday
Der Wecker klingelt um 5 Uhr, argh. Aber okay, das Programmheft bat die Läufer der ersten Welle (also auch mich) darum, bis 6.30 Uhr einen der Busse am Boston Common genommen zu haben. Okay, wollen wir dem mal folgen.
Zusammen mit Dominic, der im gleichen Haus wohnt wie ich, und ebenfalls den Marathon läuft, geht es also zu früher Stunde hinaus. Der gebürtige Kambodschaner (49, sieht aber aus wie 25) hat das Ziel, ebenfalls unter 3h zu bleiben, sagt aber im gleichen Atemzug, kaum trainiert zu haben. Passt nicht ganz zusammen, denke ich mir, aber egal (Nachtrag: Er kam bei 3:42 rein. O-Ton: „Zu viel Gegenwind!“)
Nach der Gepäckabgabe werden wir vor dem Betreten der Busse gecheckt. Ein notwendiges Übel. Die Sicherheitsvorkehrungen waren ja nicht ohne Grund aufs höchste geschraubt worden. So wurde unter anderem verboten, mit Laufrucksack zu starten oder in einem Kostüm.
In den Schulbussen werden wir dann eine knappe Stunde hinaus bis zum Startort Hopkinton gefahren. Erinnert ein wenig an Bundeswehr-Zeiten, in denen es ebenfalls in Kolonne zu Übungen ging. Während es in den Bussen noch muckelig warm ist, empfängt uns die 14.000-Seelen-Gemeinde arschkalt und windig, wenig später dann auch mit Regen. Eigentlich genau mein Wetter, wenn da nicht noch über zwei Stunden bis zum Start wären. Eingemummelt in mehrere Lagen Plastikfolie und mit Tee versorgt, lege ich mich in eines der Zelte zum Vor-Ruhen. Auch mal was neues.

IMG_3647Startschuss
Doch dann geht es los. Aufruf, zum Start zu kommen. Und erstaunlich wenige Läufer, die sich verrückt machen. Wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass in Welle eins zumeist erfahrene Hasen unterwegs sind. Letzter Adrenalin-Schiss, wobei von Aufregung eigentlich keine Spur ist. Unglaubliche Lockerheit, kaum Anspannung, null Druck. Die übliche Vaseline-Matscherei. Etwas eintraben. Nationalhymne. Und los.
Die ersten fünf Kilometer vergehen wie im Flug, offenbaren aber, dass es kaum möglich ist, auch nur ansatzweise ein einigermaßen gleichmäßiges Tempo zu laufen. Wenn ich jemals zuvor von einem welligen Lauf geschrieben habe, das hier stellt alles in den Schatten: es geht stetig auf und ab. Stört mich allerdings nicht. Ich habe schnell mein Tempo gefunden, laufe, sofern es die Anstiege erlauben, irgendetwas um die 4:07min pro Kilometer, was schneller ist als die 4:15min, die ich für 2:59h bräuchte. Aber es fühlt sich gut an, warum eigentlich nicht?! Hatte ich mir vor dem Lauf noch Gedanken gemacht, wie ich mich mit Wasser versorge (ich mag generell keine Getränkestationen und verliere dort immer Zeit), so scheint das nun wie weggeflogen. 9000 (!) freiwillige Helfer machen es möglich, pro Meile mindestens einen Getränkestand anzusteuern. Das sorgt für wenig Gedränge und vor allem dafür, nicht jeden mitnehmen zu müssen.

Smells like Venlo
Ein wenig sind die kommenden Kilometer (oder Meilen) mit dem Venlo-Halbmarathon zu vergleichen. Es geht von Siedlung zu Siedlung, von Städtchen zu Städtchen. Egal, ob in Ashland, Framingham oder Natick: Überall empfangen die geschätzten eine Millionen Zuschauer (ob es bei dem Regen wirklich so viele waren, bezweifle ich mal stark) die Läufer wie Volkshelden.
Und plötzlich ist da ein Fiepen, ein seltsames Geräusch. Nähert sich ein Zug mit rostigen Bremsen? Es wird lauter und lauter und plötzlich ahne ich, was dieses Geräusch ist: der berühmt-berüchtigte Screaming-Tunnel in Wellesley, den man bereits zwei Kilometer vorher hört: Tausende junger Mädchen, die hier das College besuchen, säumen den Straßenrand, rasten dabei aus und verlangen nach Umarmungen und Küssen. Nun ja, ich belasse es bei einem kollektiven Handkuss, der aber auch für einen Begeisterungs-Sturm sorgt, wie ihn sonst Boybands erzeugen. W a h n s i n n!
Wenig später ist die Hälfte des Laufes geschafft. Regen, Kälte und Gegenwind machen mir gar nichts aus, es läuft prima. 1:26:44h zeigt die Uhr. Fühlt sich gut an, keine Probleme bislang. Also: Weitermachen.

2015_bostonmarathon_coursemapDie Newton Hills
Noch drei Meilen und die gefürchteten Newton Hills werden beginnen. Vier Hügel, die den Läufern angeblich alles abverlangen sollen, mit dem Heartbreak Hill als Schlusspunkt. Hier, so sagt der Bostoner, werden die Rennen entschieden (was in diesem Jahr tatsächlich so ist, da der bereits erwähnte Meb sich hier verschluckt, übergibt und dadurch das Tempo nicht mehr mitgehen kann).
Aber: Es sind Hügel. Und ja, sie fühlen sich hart an, weil sie sich lange ziehen. Aber es sind eben nur Hügel, und keine Berge. Und sie bringen mich an diesem Tag schon gar nicht aus dem Konzept. Vor allem mit dem Wissen, dass es danach fast nur noch bergab geht. Allerdings ist schon erstaunlich, dass die leichten Erhöhungen selbst Läufer aus meinem Segment aus dem Konzept bringen: Einige werden extrem langsam, andere gehen, wieder andere bleiben gar stehen. Ich frage mich, was diese Läufer wohl zu einem Berglauf wie dem Jungfrau-Marathon sagen würden?

 

Auf Bestzeit-Kurs

IMG_3644 Spätestens jetzt verrät mir meine Uhr, dass ich auf Bestzeitkurs bin. Das spornt an. Und das Mädel, das mich gerade überholt hat, werde ich nicht so einfach ziehen lassen, denkste dir wohl so. Ähnlich wie in Wellesley pushen einen nun die Studenten des Boston-College, einfach genial, vor allem, weil es weiterhin stark regnet.
Ich passiere bei 2:25h die 35km-Marke, was mir auch zeigt, dass ich die für mich immer demotivierenden Kilometer 20 bis 30 locker hinter mich gebracht habe, ohne auch nur daran zu denken. Schiefgehen kann jetzt eigentlich kaum noch etwas. Die Gedanken schweifen noch einmal an den Anfang der Vorbereitung, als mich eine Zerrung etwas aus dem Konzept warf. Meldet sich der Oberschenkel wieder? Nein, tut er nicht.
Mit Brookline wartet die letzte Vorstadt von Boston auf uns Läufer, in der Ferne sieht man schon die Wolkenkratzer. Der Wind peitscht mir nun direkt ins Gesicht, aber was soll mich jetzt noch aufhalten?
Das Beste: Zu keiner Phase des Rennens hatte ich das Gefühl, mich zu überanstrengen, was mich nun zu Kilometer-Zeiten führt, die ich sonst auf 10km-Läufen produziere.
Die Ziellinie rückt nun immer näher, die Straßen werden noch voller und die Zuschauer noch enthusiastischer. Einfach nur cool, wie sich hier keiner von dem miesen Wetter abhalten lässt.
Vorbei am Fenway-Park, und dann ist er schließlich da, der letzte Kilometer. Ab auf die Boylston Street, vorbei am McGreevys von Dropkick Murphys-Sänger Ken Casey. Ich spurte nun fast und lasse andere Läufer stehen. Das Handy ist gezückt, diesen Moment muss ich einfach festhalten.
Die letzten Meter vergehen nicht nur wegen meines Tempos (die Uhr zeigt mir einen Schnitt von 3.40 für den letzten KM an) wie im Flug. Ich bin absolut im Runnershigh und könnte, so zumindest mein Gefühl, noch ewig in diesem Tempo weiterlaufen. Denn von Erschöpfung ist weit und breit keine Spur.
Dass die VIPs auf der Tribüne nicht mehr da sind, ist mir egal – dafür haben die Zuschauer auf den 42 Kilometern vorher alles gegeben. MEGA-Nice und ein deutliches Zeichen, warum dieser Marathon so geliebt wird.

IMG_3637Im Ziel
Ich laufe nicht über die Ziellinie, ich springe (http://marathonfoto.com/Catalog/List/210831274?PIN=7X6U10&LastName=KOELKER) und gebe der Uhr, die 2:56:22 anzeigt, noch einen mit. Meine tatsächliche Zeit beträgt 2:54:19h, was natürlich neue persönliche Bestzeit darstellt – eine Verbesserung um mehr als vier Minuten, wow. Betrachtet man die Zeit des Siegers Lelisa Desisa (2:09:17h), so wird klar, dass die Bedingungen eigentlich nicht Bestzeit-tauglich waren. Immerhin liegt er sechs Minuten hinter dem Streckenrekord. Ich scheine also wohl wirklich einen Sahnetag erwischt zu haben. Die Medaille wirkt wie eine Belohnung, noch mehr sehne ich aber die silbernen Capes herbei. Denn Wind und Wetter hören nicht auf, verrückt zu spielen. Die Kälte erklettert nun den Körper, gut, dass ein U-Bahn-Schacht als Sauna-Station her hält. Der Weg zurück zum Boston Common ist zwar nur einen knappen Kilometer lang, doch erscheint mir plötzlich Ewigkeiten zu dauern. Duschen gibt es zwar nicht, aber ein kleiner Tempel lädt zum Umziehen ein.

 

Timo (links) und Christian (rechts): RT worldwide!

Timo (links) und Christian (rechts): RT worldwide!

Siegesfeier mit RT-Kollegen
Meine persönliche Siegesfeier steigt im Brass in Somerville. Hier treffe ich auf Timo und Christian, die ursprünglich aus Finnland bzw. Schweden kommen, nun aber hier wohnen. Sie sind, wie ich auch, Mitglieder bei Round Table. Zwar ist unser Club in den USA nicht sonderlich groß, vereinzelt gibt es aber Jungs, die den Gedanken aus Europa mitgebracht haben. Es ist ein tolles Treffen, bei der wir die Bierkarte (http://www.brassunion.com/wp-content/uploads/2014/11/Brass_Beer_website_April7_15.pdf) rauf und runter probieren. Stark. Eigentlich hatte ich noch vor, die Runnersparty mitzunehmen, doch die ist schon lange vorbei. Beseelt sinke ich also später in die Federn und schlafe mit einem Lächeln ein. Was für ein geiler Tag… (Noch ein Nachtrag: Im Haus wartete der von oben bis unten getapte Dominic mit einer Flasche Brandy in der Hand. Während er das Zeug pur trinkt, bitte ich um Cola. Der Höllenhund!)

Wer sich das Rennen noch einmal anschauen möchte, kann dies hier machen:

Der Tag danach: Easy!

Der Tag danach: Easy!

Abreisetag

Mein Flieger geht erst am Abend, was mir die Möglichkeit zu einem erneuten Stadtbummel gibt. Im McGreevys gönne ich mir einen fetten Burger und lerne dabei erneut Läufer kennen. Es ist irgendwie verhext, egal, wo man hinkommt, man trifft einen Marathoni. Oder Leute, die einem anerkennend zu nicken, zu winken oder gar aus dem Auto aussteigen, um zu gratulieren. Toll. Wie auch das Eis von Emack & Bolio’s Ice Cream auf der grazilen Newbury Street. Kostet zwar 18 Dollar für zwei Kugeln, ist aber leider geil 😉

Wie immer bei solchen Erlebnissen ist dieser Bericht wieder über das normale Maß hinaus gegangen. Sorry, aber das war es mir wert. Ich hoffe, ihr hatte beim Lesen ähnlich viel Spaß, wie ich beim Schreiben. Ich könnte noch Stunden weiter machen, aber irgendwann muss das ja ein Ende nehmen. Danke für alle, die mir die Daumen gedrückt haben und vor allem DANKE an meinen Schatz Eva, die mir diese Reise trotz Umzug gestattet hat. #love

Und es gibt ja auch noch andere Seidenraupen >>>

 

Adam beim Zieleinlauf!

Adam beim Zieleinlauf!

Marathon in Ddorf

Eine Woche nach Boston stand der Düsseldorf Marathon an. Während mein Knie noch nicht wiederhergestellt war und ich leider meinen Staffel-Start absagen musste, waren Henne und Adam am Start. Henne finishte nach 3:01:46h und wurde damit 102. und in der M30 18. Adam überquerte nach 3:18:00h die Ziellinie an den Kasematten, was Rang 267 im Gesamt-Klassement und 41 in der M45 bedeutete. Steile Zeiten, Jungs!


RACEDAY: Wo ihr heute was sehen könnt

So, jetzt ist es soweit: RACEDAY @ Boston. Das Rennen startet für mich gegen 10 Uhr EST, das ist 16 Uhr bei euch. Wenn ich es richtig gesehen habe, schlagen Sportarten wie Snooker und Tourenwage

imagen den Marathon, eine deutsche Übertragung gibt es wohl nicht. Wer aber mag, kann sich bei Universal Sports Network reinklicken (UniversalSports.com), ich glaube aber, der Spaß kostet etwas.

Kostenlos gibt es dagegen auf deren Seite eine “finish line web cam”. Eine andere Option ist die Website der BAA, die einen Live-Stream anbietet (watchlive.baa.org). WBZ-TV überträgt ebenfalls live, ist aber wohl nur lokal zu empfangen. Und so, wie ich es erkennen konnte, hängt sich auch CBS mächtig ins Zeug (http://boston.cbslocal.com/), sie bieten zwar keine Live-Übertragung an, dafür aber einen Live-Blog – keinen Plan, was sich dahinter verbirgt.

So oder so…ich werde berichten…


Noch sechs Tage: Vorst und Flyer

Der Flyer für den Seidenraupen-Cross 2015.

Der Flyer für den Seidenraupen-Cross 2015.

Was diese beiden Worte miteinander zu tun haben? Auf den ersten Blick nicht viel, und vor allem nichts mit dem Boston-Marathon in sechs Tagen. Doch spätestens am kommenden Sonntag wird es jeder Starter des Apfelblütenlaufs in Vorst (http://www.apfelbluetenlauf.de/) wissen.

Diese glücklichen Menschen dürfen sich nämlich freuen, als eine der ersten den brandneuen Flyer für unseren Seidenraupen-Cross in den Händen zu halten. Denn dank der guten Zusammenarbeit mit den Organisatoren des Apfelblütenlaufs kommt in jede Goodie-Bag ein SRC2015-Flyer. Und wir können den Machern lobend auf die Schultern klopfen: 650 Anmeldungen sind schon da, bei gutem Wetter dürften noch einige Nachmelder hinzu kommen, so dass es bestimmt über 700 Teilnehmer bei dieser Premiere werden > Respekt! Die ein oder andere Seidenraupe wird sich ebenfalls ins Starterfeld mischen.

Auch wenn es bis zu unserem Lauf am 18. Oktober noch über ein halbes Jahr hin ist, so können auch wir schon einige Anmeldungen verzeichnen. So quasi nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“. Und hier und da haben wir auch schon gehört, dass sich Personen, die bislang so rein gar nichts mit dem Laufsport zu tun haben und hatten, unseren Lauf als Ziel genommen haben. Sounds good! Weitermachen…Anmelden kann man sich übrigens hier: https://seidenraupen.wordpress.com/seidenraupencross/anmeldung-zum-seidenraupen-cross-2015/


Noch elf Tage: Häusle, (Pseudo-)Verletzungen und Luftknappheit

Beim Blick in den Kalender habe ich heute festgestellt, dass es nur noch elf Tage sind, bis der Boston-Marathon ansteht (bzw. in elf Tagen bin ich gerade mittendrin oder schon im Ziel). Wahnsinn, wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. In der Woche vor Karneval bin ich in die unmittelbare Zehn-Wochen-Vorbereitung gestartet, demnach läuft nun Trainingswoche neun. Ganz reibungslos verlief die Vorbereitung aber nicht.

Als wir uns Anfang des Jahres zu einem Haus-Kauf samt Sanierung entschieden hatten, war mir klar, dass ich nicht alle Einheiten schaffen würde. Als Trainingstier verfolge ich meine Vorbereitungspläne eigentlich penibel genau, weswegen ich versucht habe, alles unter einen Hut zu bekommen. Einen Großteil des Trainings habe ich so eben frühmorgens vor Job und Arbeit am Haus absolviert, aber hier und da hat es einfach auch mal nicht gepasst. Ich habe allerdings darauf geachtet, dass mir die „wichtigen“ Einheiten, dazu zähle ich das Intervall-Training, die flotten Läufe und die langen Bretter, möglich waren, und davon habe ich alle absolvieren können. Vom Rest vielleicht 80-90 Prozent.

Hier und da hat mir jedoch auch mein Körper versucht, ein Schnippchen zu schlagen – was ich aber nicht als Ausrede o.ä. gelten lassen möchte.
Die im Frühjahr leider dauerhafte Luftknappheit ließ mich auch diesmal verzweifeln. Zwar habe ich mittlerweile Techniken entwickelt, beim Laufen irgendwie so zu atmen, dass es einigermaßen geht. Aber erstens macht es keinen Spaß, mit dem Gefühl zu laufen, ein Stahlträger drückt einem gerade die Lunge ein, und zweitens verformt sich mein Bauch dabei so, dass ich aussehe, als wiege ich 150 Kilo (oder mehr). Ich hoffe nur, dass es in Boston keine Pflanzen oder Gräser gibt 😉

Was hat mich noch geplagt? Bis Mitte März habe ich gerade in den schnellen Einheiten eine leichte Verspannung/-zerrung im hinteren rechten Oberschenkel gespürt. Sie hat mir zum Beispiel eine noch bessere Zeit beim 15k-Lauf in Duisburg vermasselt, da ich nach knapp zehn KM einen Gang  zurückschalten musste. Irgendwann war das Ding dann weg – genauso klammheimlich, wie es gekommen war.

Nebulös ist mir ebenso der ständige Schmerz im „Ringzeh“ am rechten Fuß. Ich habe mittlerweile festgestellt, dass er vor allem dann auftritt, wenn ich keine Schuhe trage oder solche ohne Dämpung bzw. mit sehr flacher Sohle. Leider bleibt dieser Schmerz stets für einige Tage und ist eigentlich in den vergangenen Wochen nie ganz weg gewesen. Bis zum Startschuss in Boston werde ich also darauf achten, immer etwas an meinen Füßen zu haben.

Und bis Boston dürfte auch die Rippen-Prellung (Selbstdiagnose) futsch sein, die ich Jüppi Noack und seinem brachialen Check auf dem Eis der Werner-Rittberger-Halle zu verdanken habe – hoffentlich zumindest. Während ich zwei Tage später noch irgendwie ne geile Zeit beim Halbmarathon in Duisburg raushauen konnte, war danach erst einmal Dauerschmerz im Brustbereich angesagt. Bis heute merke ich die Attacke, du Hund 😉

So, genug gejammert, denn die plötzlichen Schmerzen und Verletzungen so kurz vor einem großen Wettkampf kennt ja irgendwie jeder. Spätestens an der Ziellinie sind sie dann vergessen, Adrenalin und/oder Ibuprofen sei Dank. Wie heißt es so schön: Was uns nicht tötet, macht uns nur hart! 😉


Das Duell: Kölker gegen Keflezighi

Die Zusage für den Boston-Marathon. Geilomat!!!

Die Zusage für den Boston-Marathon. Geilomat!!!

Seit gestern steht fest: Der Boston-Marathon 2015 steht unter dem Motto „Kölker gegen Keflezighi“. Das Team USA für die 119. Auflage des berühmtesten Marathon am 20. April wurde gestern bekannt gegeben – und natürlich steht mit Meb Keflezighi der Titelverteidiger auf der Starterliste. Er gewann im Vorjahr in 2:08:37h.

„So langsam beginnt man ja im Januar mit dem Aufstellen eines ungefähren Trainingsplans. Ich bin guten Mutes, muss allerdings erst noch die überschüssigen Weihnachts-Kilos runterbekommen“, so Manuel Kölker, dem erstmals mit 2:58:55h (Barcelona 2014) die Quali für den Boston-Marathon gelang. „Die 50 Minuten laufe ich auch noch heraus!“ 😉

Ein weiterer Wettkampf stand eigentlich am Wochenende auf dem Schirm: Der erste Lauf der Nettetaler Winterlauf-Serie über zehn Kilometer. Allerdings wurde der beliebte Lauf wegen des prognostizierten Unwetters soeben abgesagt und auf den 7. Februar verschoben (Quelle: http://www.lc-nettetal.de/).


Gedanken zu Boston und Rückblick auf Wien

Wo ist die Relation? Fast täglich explodieren auf der Welt Bomben und reißen zumeist Zivilisten in den Tod oder verstümmeln sie bis an ihr Lebensende. Syrien, Irak, Afghanistan – die Bilder in den Nachrichten sind bekannt, fast ist man geneigt, den Terror in diesen Ländern aus Normalität abzustempeln. Auch gestern zeigte sich dieses Bild: die neue Bombenserie im Irak, wohl anlässlich der kommenden Wahl, wird in einem knappen Minuten-Clip in der Tagesschau abgespeist. Überstrahlt wird alles von den Anschlägen in Boston.
Mit den hier geschilderten Gedanken wollen wir die Verletzten und Toten in den genannten Ländern keinesfalls auf Stufe zwei setzen. Weil sich dieser Blog aber zum größten Teil mit dem Laufsport beschäftigt, gilt unser Augenmerk den Vorkommnissen in Boston.

http://www.spiegel.de/video/embedurl/video-1266287-640_000000_ffffff.html

4:09:43 – diese Zeit zeigt die Uhr an der Ziellinie des Boston-Marathons, als dort die erste von zwei Bomben explodiert. Sekunden später folgt die zweite, knapp 100 Meter vor der Ziellinie. Ganz egal, aus welchem Antrieb die Bomben gelegt wurden, sie treffen Sportler und deren Freunde. Sportler und Freunde, die hier zusammen den Zieleinlauf beim ältesten Marathon-Wettbewerb der Welt zelebrieren.
Jeder, der sich einmal über die 42-Kilometer-Runde gewagt hat, weiß, wie es ist, die letzten Meter zu laufen. Trotz Schmerzen in jedem Körperteil ist man glücklich. Manch einer spult vor seinem inneren Auge die beschwerliche Trainingszeit ab, denn einen Marathon läuft man nicht mal eben so. Man trainiert Wochen, Monate. Kämpft sich, je nach Jahreszeit, durch den Regen, durch Schnee oder durch glühende Hitze. Über verschlammte Pisten, harten Asphalt, knochentrockenden Waldboden. Die letzten Meter gehören dem Läufer, der hier von tausenden Menschen angefeuert wird. Der Glückgefühle ausschüttet, wie sonst nur bei einem Lottogewinn. Und der einfach nur froh ist, gleich eine vom Material her wertlose, aber für ihn doch sehr bedeutsame Medaille um den Kopf gehängt zu bekommen. Der sich schon auf der Massageliege sieht, und, ein kühles Getränk nippend, dankend und zurecht stolz Schulterklopfer der oben erwähnten Freunde entgegennimmt.

Allein diese Freude zu nehmen, zeigt die Unmenschlichkeit dieses Anschlages. Er trifft Sportler. Sportler, denen es vollkommen egal ist, ob der Nebenmann schwarz, weiß oder gelb ist, Christ, Moslem oder Jude, Amerikaner, Afrikaner oder Europäer. Sportler, deren Leistung davon gezeugt ist, andere und deren Leistung zu respektieren. Er zeigt aber auch die Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen – die Ahnungslosigkeit über das Urwesen des Sports. Denn Sport ist nicht nur Erfolg und Niederlage. Sport ist auch immer ein Weitermachen. Ein Niemals-Aufgeben. Ein Mund-Abwischen. Ein Fuck-you-und-weiter. Daran wird diese feige Tat nichts ändern.
Sie hat mit Sicherheit neue Schicksale geschaffen, die uns tief bewegen. Wir wünschen vor allem den Läufern Kraft, die, wie zu lesen war, Füße oder Beine verloren haben, und wahrscheinlich nicht mal eben so weiterlaufen können. Habt den Mut, wieder aufzustehen, und euch neue Ziele zu setzen.

Das „Weitermachen“ trifft auch in unserem Fall zu. Weitermachen, in dem wir schildern, wie wir den Marathon in Wien erlebt haben – ein Erlebnis, das wir uns nicht von Menschen kaputtmachen lassen, die meinen, unsere Power mit Bomben brechen zu können. Los gehts…

Walk the line...Schürfwunde vom Pulsgurt, der 42,195 Kilometer NICHT funktioniert hat. Danke! A****loch!

Walk the line…Schürfwunde vom Pulsgurt, der 42,195 Kilometer NICHT funktioniert hat. Danke! A****loch!

Rechter Fuß nach 42,195 Kilometern

Rechter Fuß nach 42,195 Kilometern

Wien strahlte uns am Sonntag an. Waren der Freitag und Samstag noch durchwachsen und sehr windig, so zeigte sich die österreichische Hauptstadt nun im besten Kaiserwetter (hatte sich also gelohnt, am Vortag sich diesem ganzen Kaiser-Kram zuzuwenden). Eva mussten wir schon sehr bald nach der Gepäckabgabe verabschieden, da sie auf der anderen Straßenseite starten musste.
Wir zwängten uns nach einer kurzen Aufwärmrunde dann bald in den prallgefüllten blauen Startblock, lauschten der heimischen Hymne und schickten Haile und die anderen Eliteläufer mit tosendem Applaus auf die Reise. Wenig später ging es dann auch für uns los, zunächst über die Reichsbrücke und dann am Prater vorbei. Mächtig viel los, die ersten drei, vier Kilometer waren davon geprägt, nicht dem Vordermann in die Haxen zu treten.
Nach fünf Kilometern ging es dann an den Donaukanal, der uns immer wieder begegnen sollte. Bis dahin hielt ich mit Henne gut mit, auch wenn der Hüne stramme 4:15-Kilometer lief, zum Teil noch schneller. Nach rund zehn Kilometern, wir waren mittlerweile auf dem Ring, entschied ich mich, das Tempo nicht mitzugehen. Zum einen hatte ich es nicht trainiert, zum anderen war es mittlerweile doch recht warm, eine Anzeige am Wegesrand zeigte schon stolze 20 Grad an. Das Haushalten mit den Kräften ist gerade beim Marathon ein eigenes Kapitel für sich, was viele aber gerne überblättern. Da will ich mich nicht ausschließen, aber diesmal ließ ich die Vernunft walten. Also, drosseln auf 4:20, und weiter…

Vor dem Lauf.

Vor dem Lauf.

Vorbei an alten Gemäuern und dem Karlsplatz ging es nun Richtung Schloss Schönbrunn, das ich, dort angekommen, fast übersehen hätte. Immerhin hielt eine Dame ein Schild in den Händen (Run like Zombies are chasing you), das mich zu einem Zwischenspurt animierte 😉
Vorbei an Schönbrunn ging es nun wieder zurück in die City, wenig spektakulär, dafür aber an einigen Ecken recht stimmungsvoll. Am Museumsquartier wurde es dann noch einmal richtig schnell, da es hier die Mariahilfer Straße nach unten ging. Zudem mobilisierten viele Halbmarathonis die letzten Kräfte und luden zum Mitrennen ein.

Massage muss sein.

Massage muss sein.

Pünktlich zum Halbmarathon wurde es dann plötzlich richtig leer und leise. Läufer, an denen man sich teilweise orientiert hatte, waren plötzlich nicht mehr da. Am Montag war zu lesen, dass viele Läufer, die für den Marathon gemeldet hatten, die Möglichkeit ergriffen, nach 21,1 km das Rennen zu beenden. Auch so ist zu erklären, dass von 10.588 Marathonläufern lediglich 6850 auch tatsächlich das Ziel erreichten (Halb-Marathon: 14.907 gemeldet, 13.188 im Ziel; Staffel: 12.556, im Ziel 11.728).
Wie dem auch sei – für mich beginnt ab der Halbmarathon-Marke zunächst immer ein luftleerer Raum. Das Rechnen fällt mir schwer (ich zähle meist in Stadtwaldrunden) und es gibt wenig, das mich dann noch motiviert. Kurioserweise war das in Wien nicht so.
Nach 24 Kilometern ging es wieder zurück an den Donaukanal, diesmal in die andere Richtung. Ab Kilometer 27 begegneten einem dadurch dann auch Spitzenläufer, die wohlgemerkt schon zehn Kilometer mehr auf dem Buckel hatten. Im Vorfeld hatte mich diese Streckenpassage ein wenig gestört, im Rennen merkte ich aber, dass man sonst ja nie diese Läufer mal selber bei einem Wettkampf zu Gesicht bekommt. Schon heavy, in was für einem Tempo die schwarzen Perlen da einem entgegen kamen, darunter auch die erste Frau, Flomena Cheyech aus Kenia, die später in 2:24:34 gewann.

Manu kurz vor dem Ziel. Foto: Seb Busch

Manu kurz vor dem Ziel. Foto: Seb Busch

Nach 29 Kilometern gings Richtung Stadion, wo eine 180-Grad-Wende vollzogen wurde, nicht ganz easy zu diesem Zeitpunkt des Rennens, bei dem man eigentlich darauf bedacht ist, irgendwie den Rythmus beiuzbehalten.
Auf dem folgenden langen Stück über die Hauptallee (zuerst zwei KM hoch, dann wieder zwei KM runter) sah ich dann Henne das erste mal wieder. Er hatte zwischenzeitlich auch einen Gang zurückgeschaltet, lag aber trotzdem etwas mehr als einen Kilometer vor mir. Natürlich haben wir kurz angehalten und ne Melange getrunken. Sachertorte gab es auch, dazu ne milde Brise von der Donau. Perfekt. Da soll noch einer sagen, man hätte keine Zeit bei so nem Marathon.
Naja, ganz so war es vielleicht nicht, aber immerhin hat es zu einem kurzen Abklatschen gereicht. Auf der Allee (eine Straße, viele Bäume) hörte ich auch einige Tracks, die man sich im Vorfeld auf der Website des Marathons wünschen konnte. Nette Sache, hätte nicht gedacht, dass das funktioniert.

Bis hierhin hatte ich kein einziges Mal meine Gesamtzeit im Auge gehabt. Lediglich die 5km-Rundenzeiten zeigten mir jeweils, dass mein Plan, 3:15h zu laufen, aufgehen würde, sofern jetzt nichts mehr passiert. Das wollte ich nicht mehr riskieren.

Glückliche Sieger!

Glückliche Sieger!

Auf diesem Stück zeigte sich, dass fast alle mit den Kräften am Ende waren und mit lockerem 4:45-km-Schnitt ins Ziel wollten. Fixpunkt war für mich ein Läufer in Grün, der mein Tempo lief. Nochmals gings an den Donaukanal – waren die Steigungen an den Brücken gerade auch so heavy? Diesmal kamen mir die Läufer entgegen, was natürlich doppelt motiviert. Denn, hey, ich bin gleich fertig 😉 Erstmals ließ ich mich nun zu den Verpflegungsstellen locken, Cola und Iso strömten schon einen gewissen Reiz aus, zudem ging mein Wasservorrat im Rucksack langsam zu Ende.

Im Ziel!

Im Ziel!

Die letzten zwei Kilometer vergingen dann wie im Flug. Eltern, Brüder und Freunde, und ganz zum Schluss Eva, standen hier an der Strecke, die durchaus hätte etwas verengt werden können (auch wenn es natürlich schick ist, auf so ner fetten Allee zu laufen). Kurios: Auf den letzten 300 Metern waren die Zuschauer dann plötzlich weg, weil die Absperrungen sie nicht mehr durchließen. Dann aber der Heldenplatz: Gelber Teppich, vollbesetzte Tribünen auf beiden Seiten, herrlich. Schließlich der Blick zur Uhr: 3:10 – wow! Da kann man mal ein wenig tanzen und Show machen, was ja sonst gar nicht mein Ding ist 😉
Außerdem mussten ja auch die Sponsoren bei Laune gehalten werden. Ali hatte ich ja einen Namens-Tanz von Pflege Optimal versprochen – zumindest das „I“ habe ich hinbekommen. Und ich meine, der ein oder andere Buchstabe wäre auch dabei gewesen 🙂

Sponsoren-Tanz. Hier: Das "I" von Pflege optimal.

Sponsoren-Tanz. Hier: Das „I“ von Pflege optimal.

Im Zielbereich realisierte ich dann das gerade erreichte. Wieder Bestzeit, wieder ein riesiger Sprung nach vorne, diesmal um acht Minuten. Klasse, hat sich das Training also gelohnt. Natürlich ließ ich mir die Massage nicht nehmen, auch die Dusche im hocherotischen Bundeswehr-Zelt hatte ihren Reiz. Besonders die abgefrickelten Pflaster strömen einen besonderen Charme aus. NICHT. Aber eigentlich ist es auch egal, denn man nimmt diese ganzen Begleitumstände einfach so hin, wie sie sind. Schließlich hat man gerade was geiles erreicht, da kann ein Pflaster nicht stören. Und ein zweites auch nicht.
Ein großes Lob geht an die Macher, die hier im Volksgarten ein Marathon-Zeltdorf errichtet hatten, das ich so noch nicht auf einer Laufveranstaltung gesehen hatte. Schade nur, dass die Stimmung ein wenig im Partyzelt hängen blieb, das man bei über 20 Grad nicht wirklich aufsuchen wollte.
Aber egal, der Empfang durch Familie und Freunde, darunter auch die beiden Exil-Krefelder Manni und Busch, war auch toll. Danke dafür. Vatter ließ es sich sogar nicht nehmen, ein wenig meinen Rücken zu massieren – von Silberrücken zu Silberrücken quasi, wa Henne? 😉

In Zahlen ausgedrückt bedeutet der Wien-Marathon für mich neue persönliche Bestzeit in 3:10:06 (HM: 1:32:15, zweite Hälfte 1:37:50). Damit bin ich 448. im Gesamtklassement (10.588 Starter), 432. von 5573 Männern und 66. in meiner Altersklasse (M30) von 628. Im Schnitt war ich 13,31 km/h schnell und benötigte 4.30 Minuten pro Kilometer. Henne ist mit seinen 3:03:55 (HM: 1:30:09, 2. HM: 1:33:45) 290., in seiner AK 40. von 580 und 277. bei den Männern. Er war 13,77 km/h schnell, also 4:22 Minuten pro Kilometer unterwegs. Eva war bei 1:57:38 im Halb-Marathon-Ziel, was Platz 702 von 4270 Frauen bedeutet und Gesamtrang 4749 von 14.907. Sie hatte 10.76 km/h aufm Tacho (Zeit pro Kilometer:5:35 min/km). Knackige Zeiten also.

Henne beißt auf Gold.

Henne beißt auf Gold.

Was nach jedem Lauf schade ist: Man hat zehn Wochen auf diesen einen Tag hingearbeitet. Innerhalb von wenigen Stunden ist das trainierte also verpufft.
Wirklich? Ja, in ein kleines Loch fällt man, nun gilt es, die nächsten Ziele anzuvisieren. Für Henne und mich bedeutet dies, Augen auf den 4Trails, Evas nächstes großes Event ist der Berlin-Marathon. Und mal sehen, was dazwischen noch für Läufe anstehen, einige Routen gilt es noch zu erkunden, einige Trails zu entdecken. Run for it!

Im Zusammenhang „Boston“ sucht ein Freund und Kollege für eine Presse-Berichterstattung nach Menschen, die entweder in Boston am Start waren oder in London an den Start gehen werden. Meldet euch bei mir, ich stelle gerne den Kontakt her.


Uns trennt nichts

Hmmm, da hat man noch immer Adrenalin im Blut und Muskelkater in den Beinen und brennt darauf, vom Wien-Marathon zu berichten – und dann passieren so schlimme Dinge beim Boston-Marathon.
Wir wollen das Szenario dort nicht zu sehr kommentieren, weil wir Hintergründe und ähnliches nicht kennen, aber es sei gesagt, dass Sportlern Hautfarbe, Rasse, Herkunft und Religion egal sind. Das können auch Bomben und Gewehre nicht verhindern. Uns trennt nichts, wir sind eine Familie!!!

Unsere Gedanken gehen nach Boston. Aber, und das wollen wir nicht vergessen, auch in den Irak, wo heute ebenfalls viele Menschen bei Anschlägen verletzt und uns um Leben kamen…