Wir laufen und laufen und laufen und laufen

Gedanken zu Boston und Rückblick auf Wien

Wo ist die Relation? Fast täglich explodieren auf der Welt Bomben und reißen zumeist Zivilisten in den Tod oder verstümmeln sie bis an ihr Lebensende. Syrien, Irak, Afghanistan – die Bilder in den Nachrichten sind bekannt, fast ist man geneigt, den Terror in diesen Ländern aus Normalität abzustempeln. Auch gestern zeigte sich dieses Bild: die neue Bombenserie im Irak, wohl anlässlich der kommenden Wahl, wird in einem knappen Minuten-Clip in der Tagesschau abgespeist. Überstrahlt wird alles von den Anschlägen in Boston.
Mit den hier geschilderten Gedanken wollen wir die Verletzten und Toten in den genannten Ländern keinesfalls auf Stufe zwei setzen. Weil sich dieser Blog aber zum größten Teil mit dem Laufsport beschäftigt, gilt unser Augenmerk den Vorkommnissen in Boston.

http://www.spiegel.de/video/embedurl/video-1266287-640_000000_ffffff.html

4:09:43 – diese Zeit zeigt die Uhr an der Ziellinie des Boston-Marathons, als dort die erste von zwei Bomben explodiert. Sekunden später folgt die zweite, knapp 100 Meter vor der Ziellinie. Ganz egal, aus welchem Antrieb die Bomben gelegt wurden, sie treffen Sportler und deren Freunde. Sportler und Freunde, die hier zusammen den Zieleinlauf beim ältesten Marathon-Wettbewerb der Welt zelebrieren.
Jeder, der sich einmal über die 42-Kilometer-Runde gewagt hat, weiß, wie es ist, die letzten Meter zu laufen. Trotz Schmerzen in jedem Körperteil ist man glücklich. Manch einer spult vor seinem inneren Auge die beschwerliche Trainingszeit ab, denn einen Marathon läuft man nicht mal eben so. Man trainiert Wochen, Monate. Kämpft sich, je nach Jahreszeit, durch den Regen, durch Schnee oder durch glühende Hitze. Über verschlammte Pisten, harten Asphalt, knochentrockenden Waldboden. Die letzten Meter gehören dem Läufer, der hier von tausenden Menschen angefeuert wird. Der Glückgefühle ausschüttet, wie sonst nur bei einem Lottogewinn. Und der einfach nur froh ist, gleich eine vom Material her wertlose, aber für ihn doch sehr bedeutsame Medaille um den Kopf gehängt zu bekommen. Der sich schon auf der Massageliege sieht, und, ein kühles Getränk nippend, dankend und zurecht stolz Schulterklopfer der oben erwähnten Freunde entgegennimmt.

Allein diese Freude zu nehmen, zeigt die Unmenschlichkeit dieses Anschlages. Er trifft Sportler. Sportler, denen es vollkommen egal ist, ob der Nebenmann schwarz, weiß oder gelb ist, Christ, Moslem oder Jude, Amerikaner, Afrikaner oder Europäer. Sportler, deren Leistung davon gezeugt ist, andere und deren Leistung zu respektieren. Er zeigt aber auch die Ahnungslosigkeit der Verantwortlichen – die Ahnungslosigkeit über das Urwesen des Sports. Denn Sport ist nicht nur Erfolg und Niederlage. Sport ist auch immer ein Weitermachen. Ein Niemals-Aufgeben. Ein Mund-Abwischen. Ein Fuck-you-und-weiter. Daran wird diese feige Tat nichts ändern.
Sie hat mit Sicherheit neue Schicksale geschaffen, die uns tief bewegen. Wir wünschen vor allem den Läufern Kraft, die, wie zu lesen war, Füße oder Beine verloren haben, und wahrscheinlich nicht mal eben so weiterlaufen können. Habt den Mut, wieder aufzustehen, und euch neue Ziele zu setzen.

Das „Weitermachen“ trifft auch in unserem Fall zu. Weitermachen, in dem wir schildern, wie wir den Marathon in Wien erlebt haben – ein Erlebnis, das wir uns nicht von Menschen kaputtmachen lassen, die meinen, unsere Power mit Bomben brechen zu können. Los gehts…

Walk the line...Schürfwunde vom Pulsgurt, der 42,195 Kilometer NICHT funktioniert hat. Danke! A****loch!

Walk the line…Schürfwunde vom Pulsgurt, der 42,195 Kilometer NICHT funktioniert hat. Danke! A****loch!

Rechter Fuß nach 42,195 Kilometern

Rechter Fuß nach 42,195 Kilometern

Wien strahlte uns am Sonntag an. Waren der Freitag und Samstag noch durchwachsen und sehr windig, so zeigte sich die österreichische Hauptstadt nun im besten Kaiserwetter (hatte sich also gelohnt, am Vortag sich diesem ganzen Kaiser-Kram zuzuwenden). Eva mussten wir schon sehr bald nach der Gepäckabgabe verabschieden, da sie auf der anderen Straßenseite starten musste.
Wir zwängten uns nach einer kurzen Aufwärmrunde dann bald in den prallgefüllten blauen Startblock, lauschten der heimischen Hymne und schickten Haile und die anderen Eliteläufer mit tosendem Applaus auf die Reise. Wenig später ging es dann auch für uns los, zunächst über die Reichsbrücke und dann am Prater vorbei. Mächtig viel los, die ersten drei, vier Kilometer waren davon geprägt, nicht dem Vordermann in die Haxen zu treten.
Nach fünf Kilometern ging es dann an den Donaukanal, der uns immer wieder begegnen sollte. Bis dahin hielt ich mit Henne gut mit, auch wenn der Hüne stramme 4:15-Kilometer lief, zum Teil noch schneller. Nach rund zehn Kilometern, wir waren mittlerweile auf dem Ring, entschied ich mich, das Tempo nicht mitzugehen. Zum einen hatte ich es nicht trainiert, zum anderen war es mittlerweile doch recht warm, eine Anzeige am Wegesrand zeigte schon stolze 20 Grad an. Das Haushalten mit den Kräften ist gerade beim Marathon ein eigenes Kapitel für sich, was viele aber gerne überblättern. Da will ich mich nicht ausschließen, aber diesmal ließ ich die Vernunft walten. Also, drosseln auf 4:20, und weiter…

Vor dem Lauf.

Vor dem Lauf.

Vorbei an alten Gemäuern und dem Karlsplatz ging es nun Richtung Schloss Schönbrunn, das ich, dort angekommen, fast übersehen hätte. Immerhin hielt eine Dame ein Schild in den Händen (Run like Zombies are chasing you), das mich zu einem Zwischenspurt animierte 😉
Vorbei an Schönbrunn ging es nun wieder zurück in die City, wenig spektakulär, dafür aber an einigen Ecken recht stimmungsvoll. Am Museumsquartier wurde es dann noch einmal richtig schnell, da es hier die Mariahilfer Straße nach unten ging. Zudem mobilisierten viele Halbmarathonis die letzten Kräfte und luden zum Mitrennen ein.

Massage muss sein.

Massage muss sein.

Pünktlich zum Halbmarathon wurde es dann plötzlich richtig leer und leise. Läufer, an denen man sich teilweise orientiert hatte, waren plötzlich nicht mehr da. Am Montag war zu lesen, dass viele Läufer, die für den Marathon gemeldet hatten, die Möglichkeit ergriffen, nach 21,1 km das Rennen zu beenden. Auch so ist zu erklären, dass von 10.588 Marathonläufern lediglich 6850 auch tatsächlich das Ziel erreichten (Halb-Marathon: 14.907 gemeldet, 13.188 im Ziel; Staffel: 12.556, im Ziel 11.728).
Wie dem auch sei – für mich beginnt ab der Halbmarathon-Marke zunächst immer ein luftleerer Raum. Das Rechnen fällt mir schwer (ich zähle meist in Stadtwaldrunden) und es gibt wenig, das mich dann noch motiviert. Kurioserweise war das in Wien nicht so.
Nach 24 Kilometern ging es wieder zurück an den Donaukanal, diesmal in die andere Richtung. Ab Kilometer 27 begegneten einem dadurch dann auch Spitzenläufer, die wohlgemerkt schon zehn Kilometer mehr auf dem Buckel hatten. Im Vorfeld hatte mich diese Streckenpassage ein wenig gestört, im Rennen merkte ich aber, dass man sonst ja nie diese Läufer mal selber bei einem Wettkampf zu Gesicht bekommt. Schon heavy, in was für einem Tempo die schwarzen Perlen da einem entgegen kamen, darunter auch die erste Frau, Flomena Cheyech aus Kenia, die später in 2:24:34 gewann.

Manu kurz vor dem Ziel. Foto: Seb Busch

Manu kurz vor dem Ziel. Foto: Seb Busch

Nach 29 Kilometern gings Richtung Stadion, wo eine 180-Grad-Wende vollzogen wurde, nicht ganz easy zu diesem Zeitpunkt des Rennens, bei dem man eigentlich darauf bedacht ist, irgendwie den Rythmus beiuzbehalten.
Auf dem folgenden langen Stück über die Hauptallee (zuerst zwei KM hoch, dann wieder zwei KM runter) sah ich dann Henne das erste mal wieder. Er hatte zwischenzeitlich auch einen Gang zurückgeschaltet, lag aber trotzdem etwas mehr als einen Kilometer vor mir. Natürlich haben wir kurz angehalten und ne Melange getrunken. Sachertorte gab es auch, dazu ne milde Brise von der Donau. Perfekt. Da soll noch einer sagen, man hätte keine Zeit bei so nem Marathon.
Naja, ganz so war es vielleicht nicht, aber immerhin hat es zu einem kurzen Abklatschen gereicht. Auf der Allee (eine Straße, viele Bäume) hörte ich auch einige Tracks, die man sich im Vorfeld auf der Website des Marathons wünschen konnte. Nette Sache, hätte nicht gedacht, dass das funktioniert.

Bis hierhin hatte ich kein einziges Mal meine Gesamtzeit im Auge gehabt. Lediglich die 5km-Rundenzeiten zeigten mir jeweils, dass mein Plan, 3:15h zu laufen, aufgehen würde, sofern jetzt nichts mehr passiert. Das wollte ich nicht mehr riskieren.

Glückliche Sieger!

Glückliche Sieger!

Auf diesem Stück zeigte sich, dass fast alle mit den Kräften am Ende waren und mit lockerem 4:45-km-Schnitt ins Ziel wollten. Fixpunkt war für mich ein Läufer in Grün, der mein Tempo lief. Nochmals gings an den Donaukanal – waren die Steigungen an den Brücken gerade auch so heavy? Diesmal kamen mir die Läufer entgegen, was natürlich doppelt motiviert. Denn, hey, ich bin gleich fertig 😉 Erstmals ließ ich mich nun zu den Verpflegungsstellen locken, Cola und Iso strömten schon einen gewissen Reiz aus, zudem ging mein Wasservorrat im Rucksack langsam zu Ende.

Im Ziel!

Im Ziel!

Die letzten zwei Kilometer vergingen dann wie im Flug. Eltern, Brüder und Freunde, und ganz zum Schluss Eva, standen hier an der Strecke, die durchaus hätte etwas verengt werden können (auch wenn es natürlich schick ist, auf so ner fetten Allee zu laufen). Kurios: Auf den letzten 300 Metern waren die Zuschauer dann plötzlich weg, weil die Absperrungen sie nicht mehr durchließen. Dann aber der Heldenplatz: Gelber Teppich, vollbesetzte Tribünen auf beiden Seiten, herrlich. Schließlich der Blick zur Uhr: 3:10 – wow! Da kann man mal ein wenig tanzen und Show machen, was ja sonst gar nicht mein Ding ist 😉
Außerdem mussten ja auch die Sponsoren bei Laune gehalten werden. Ali hatte ich ja einen Namens-Tanz von Pflege Optimal versprochen – zumindest das „I“ habe ich hinbekommen. Und ich meine, der ein oder andere Buchstabe wäre auch dabei gewesen 🙂

Sponsoren-Tanz. Hier: Das "I" von Pflege optimal.

Sponsoren-Tanz. Hier: Das „I“ von Pflege optimal.

Im Zielbereich realisierte ich dann das gerade erreichte. Wieder Bestzeit, wieder ein riesiger Sprung nach vorne, diesmal um acht Minuten. Klasse, hat sich das Training also gelohnt. Natürlich ließ ich mir die Massage nicht nehmen, auch die Dusche im hocherotischen Bundeswehr-Zelt hatte ihren Reiz. Besonders die abgefrickelten Pflaster strömen einen besonderen Charme aus. NICHT. Aber eigentlich ist es auch egal, denn man nimmt diese ganzen Begleitumstände einfach so hin, wie sie sind. Schließlich hat man gerade was geiles erreicht, da kann ein Pflaster nicht stören. Und ein zweites auch nicht.
Ein großes Lob geht an die Macher, die hier im Volksgarten ein Marathon-Zeltdorf errichtet hatten, das ich so noch nicht auf einer Laufveranstaltung gesehen hatte. Schade nur, dass die Stimmung ein wenig im Partyzelt hängen blieb, das man bei über 20 Grad nicht wirklich aufsuchen wollte.
Aber egal, der Empfang durch Familie und Freunde, darunter auch die beiden Exil-Krefelder Manni und Busch, war auch toll. Danke dafür. Vatter ließ es sich sogar nicht nehmen, ein wenig meinen Rücken zu massieren – von Silberrücken zu Silberrücken quasi, wa Henne? 😉

In Zahlen ausgedrückt bedeutet der Wien-Marathon für mich neue persönliche Bestzeit in 3:10:06 (HM: 1:32:15, zweite Hälfte 1:37:50). Damit bin ich 448. im Gesamtklassement (10.588 Starter), 432. von 5573 Männern und 66. in meiner Altersklasse (M30) von 628. Im Schnitt war ich 13,31 km/h schnell und benötigte 4.30 Minuten pro Kilometer. Henne ist mit seinen 3:03:55 (HM: 1:30:09, 2. HM: 1:33:45) 290., in seiner AK 40. von 580 und 277. bei den Männern. Er war 13,77 km/h schnell, also 4:22 Minuten pro Kilometer unterwegs. Eva war bei 1:57:38 im Halb-Marathon-Ziel, was Platz 702 von 4270 Frauen bedeutet und Gesamtrang 4749 von 14.907. Sie hatte 10.76 km/h aufm Tacho (Zeit pro Kilometer:5:35 min/km). Knackige Zeiten also.

Henne beißt auf Gold.

Henne beißt auf Gold.

Was nach jedem Lauf schade ist: Man hat zehn Wochen auf diesen einen Tag hingearbeitet. Innerhalb von wenigen Stunden ist das trainierte also verpufft.
Wirklich? Ja, in ein kleines Loch fällt man, nun gilt es, die nächsten Ziele anzuvisieren. Für Henne und mich bedeutet dies, Augen auf den 4Trails, Evas nächstes großes Event ist der Berlin-Marathon. Und mal sehen, was dazwischen noch für Läufe anstehen, einige Routen gilt es noch zu erkunden, einige Trails zu entdecken. Run for it!

Im Zusammenhang „Boston“ sucht ein Freund und Kollege für eine Presse-Berichterstattung nach Menschen, die entweder in Boston am Start waren oder in London an den Start gehen werden. Meldet euch bei mir, ich stelle gerne den Kontakt her.

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  1. Pingback: Alarm: Hahn angeschlagen | Seidenraupen Krefeld

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