Lisa und die Wüste

Dass wir krasse Abenteuer von Tanja Gebhard kennen, ist ja nicht mehr überraschend. Dass sie bei ihrem letzten, dem Marathon des Sables in Jordanien, aber von Lisa Femers begleitet wurde, aber dann doch. Zwar kennen wir Lisa als emsige Bergziege, die die höchsten Berge dieser Welt besteigt, als Trail-Runnerin war sie uns bislang noch nicht aufgefallen.

Umso spannender ist ihr Bericht über den mehrtägigen Wüsten-Trip. Aber lest selbst:

Wenn man als 0815 Straßenläufer mal was anderes machen möchte bzw. eine neue Herausforderung sucht, gibt es verschiedene Optionen: Traillauf, Etappenlauf, oder vielleicht die Ultradistanz. Das kann man alles nacheinander probieren ODER man macht es in einem und dann auch noch in der Wüste beim MDS Jordanien. In diesem Fall sollte man allerdings – absolute Empfehlung meinerseits – eine Tanja dabeihaben! Why, you ask? Lass mich dir kurz von unserem Wüstenabenteuer erzählen (als absoluter Newbie im Trail-Ultra-Business gemeinsam mit einer durch und durch erprobten Trail-/Ultraläuferin).

Das Vorhaben in ein paar Zahlen

600 Läufer
93% erstmalige MDS-Starter
55% Frauen
76 Jahre ältester Teilnehmer
18 Jahre jüngster Teilnehmer

Tag 1: 27,4 km, +1026m / -724m
Tag 2: 60,6 km, +831m / -828
Tag 3: Rest Day
Tag 4: 26 km, +685m / -941m

Gestartet sind wir zusammen von Berlin aus. Von Amman wurden wir dann zum Crowne Plaza am Toten Meer gebracht. Nach Medical und Gear Check hatten wir noch ca. einen halben Tag, um im Toten Meer zu floaten und gemütlich am Pool zu liegen. Dann wurde es allerdings ernst….

Tag 1 im Wadi Rum

Abfahrt im Hotel um 4.30, die Fahrt dauert 4,5h. Viel geschlafen haben wir nicht. Um 9.00 soll Briefing sein und 9.30 Start der ersten Etappe, aber einer der Busse kommt verspätet an. Somit stehen erst ab 10.00 Uhr so langsam alle im Startblock. Um 10.30 werden wir auf die Strecke geschickt – Tanja sagt, wir sollen es heute langsam angehen, erstmal eingrooven, legt aber schnell einen Stechschritt ein, um uns ins erste Drittel zu bringen. Bei km 2 soll ein Bottleneck kommen – ein bisschen Felskletterei und hier will sie nicht anstehen. Ihre Erfahrung zahlt sich für uns aus. Wir kommen zügig an der Stelle an und auch ohne großen Rückstau durch. Wir hören später, dass die Läufer weiter hinten später bis zu 1,5 h an der Stelle anstehen mussten.

Es ist sehr heiß – nach 4 Tagen in der Wüste können wir sagen – zwischen 12/13 Uhr und 16 Uhr ist es extrem heiß, vor allem, da es auf der Strecke nahezu keinen Schatten gibt. Davor und danach ist es erträglicher.
Ab km 4 habe ich einen Euphorierausch – ich hatte so viel Angst vorm Start, die jetzt so langsam abfällt und ich sehe mich schon zukünftig ausschließlich als Extrem-/Ultraläuferin…. Spoiler: Im Laufe der Tage relativiert sich das wieder.
Eins ist an Tag 1 schon klar – es ist wesentlich mehr tiefer, weicher Sand auf der Strecke als kompakter Sand. Und DAS macht die Sache härter als gedacht. Tanja kennt sich praktisch im Sand schon besser aus als ich durch ihre Hollandmärsche. Ich habe mich nur theoretisch eingelesen und so probieren wir uns durch: Ist es besser in die Fußstapfen des Vordermanns zu treten oder etwas abseits der Route unberührten Sand zu suchen, der etwas kompakter ist und wo man nicht so tief einsinkt?! Lieber laufen oder lieber marschieren, mit Stöcken oder ohne….
Wir gehen zügig durch die 2 VPs (ca. 1 VP alle 10 km), nur kurz den Kopf mit einer Eisdusche kühlen und das Wasser auffüllen und weiter. Tanja erinnert mich stündlich ans Essen, etwas, dass mir schwerfällt, weil Aktivität meinen Appetit hemmt, aber: „Ohne Mampf kein Dampf.“ Und wir brauchen einiges an Dampf, um das hier zu schaffen!
Wir kommen verhältnismäßig früh im Biwak an, die Zelte stehen. Wir sind im Zeltkreis Nummer 66 mit 3 weiteren Deutschen, von denen nur einer vor uns da ist. Später lernen wir noch die anderen beiden kennen, es wird gemeinsam gekocht überm Feuer und erzählt, bevor sich jeder in seinem Zelt einrichtet für die Nacht.

Tag 2 im Wadi Rum

Heute geht es früh los. Start ist um 6.30. Es MUSS alles mit, auch wenn wir am Abend wieder in dasselbe Biwak zurückkehren werden. Kurz hatten wir mit dem Gedanken gespielt einen Teil der Vorräte neben unseren Zelten im Sand zu vergraben. Aber wir spielen fair. Theoretisch müsste der Rucksack heute leichter sein, praktisch ist nicht wirklich eine Veränderung spürbar. Wir sind beide an Tag 1 mit ca. 8,5 kg gestartet – ohne Wasser.
Was dann folgt sind fast 14 Stunden Sand, große Hitze und große Anstrengung. Bis VP 2 ist die Stimmung super, ich fühl mich gut, es ist noch vor der großen Mittagshitze und wir hatten uns vorgenommen bis hierhin etwas schneller zu sein, um Puffer für die Zeit in der vollen Hitze zu haben. Ich merke vor VP 2 meine kleinen Zehen – ein kurzer Check ergibt: Ich habe bereits Blasen. Tape drauf, weiter geht es. Die wichtigste Entscheidungsstelle kommt bei ca. km 27 – hier kann man noch auf die 40 km Strecke wechseln. Aber wir ziehen durch: Jetzt müssen es volle 60 km werden oder DNF. Der mentale Druck in meinem Kopf ist groß vor allem mit dem Wissen um den Zustand meiner Füße.
Nach VP 3 ist die Hitze ERSCHLAGEND. Es sind 40 Grad und im Laufe des Tages geben ca. 50 Läufer auf bzw. werden von den Medics an den VPs aus dem Rennen genommen. Ich schwitze zu viel, trinke zu wenig. Tanja ruft immer wieder über die Schulter: „Trink, Kind. Iss!“
Wir laufen durch weichen weißen Sand (sehr schlecht, sehr viel Staub – ich habe BUCHSTÄBLICH stundenlang Tanjas Staub gefressen und geatmet). Der weiche rote Sand staubt etwas weniger, trotzdem scheiße zum Laufen. Wenn auf dem Sand Steinchen liegen, ist er meistens gut, weil fest. Wenn sich auf dem Sand Wellen vom Wind abzeichnen ist er so mittel – manchmal fest, manchmal sinkt man ein bisschen ein. Aber besser als der weiche, weiße Sand. (Bei weiteren Fragen zu Sand und Staub – wendet euch vertrauensvoll an mich.)
Bis km 40 geht es, es wird langsam wieder erträglicher von der Temperatur her. Danach jagt ein Highlight das nächste: 42,2 Marathon Distanz geschafft, Sonnenuntergang, Mondaufgang, das erste Mal 50 km gelaufen, VP 5…. Und danach reißt die Stimmung brutal ab. Ich kann vor Schmerzen in den Füßen kaum noch denken, es sind mindestens 2 weitere Blasen an den Füßen zu spüren. Ich weiß nicht mehr, wie ich die Füße setzen soll ohne, dass ich an die Blasen stoße. Schmerz weghecheln, leise weinen, weitermachen. Tanjas rote Rückleuchte mal näher, mal ferner. Aber sie lässt mich nicht zurück. Immer wieder wartet sie auf mich!
Als wir nach ca. 13:45:00 Hände haltend ins Ziel laufen, weine ich, während Tanja jubelt und feiert.
Im Kreis 66 brennt bereits ein Feuer, es wird kurz gekocht und dann schlafe ich bereits einige Stunden bevor die letzten 2 um 1.20 pünktlich zum Cut Off ins Ziel laufen.

Tag 3 Rest Day im Biwak

Ich lass meine Blasen bei den Medics behandeln, Tanja wäscht mehrere Ladungen Wäsche durch, um 10 Uhr wird gemeinsam Yoga gemacht (oder das, was 600 Läufer nach 40 bis 90 km noch so an „Yoga“ machen können). Danach ist noch viel Tag übrig, in der Hitze sucht jeder irgendwo auch nur ein kleines bisschen Schatten auf. In den Zelten schmelzen derweil die Riegel, Kosmetika und iPhones (beinahe) vor sich hin. Wir essen viel – um den Tank nach Etappe 2 aufzufüllen, aber auch um das Rucksackgewicht vor der letzten Etappe zu reduzieren. Und weil wir Zeit haben.
Mittags kommen ein paar Beduinen auf Kamelen vorbei und es gibt eine gekühlte Orange pro Läufer – beste Orange ever.

Tag 4 im Wadi Rum

Heute müssen wir noch einmal ran und zwar früh. Start ist um 4.30. Ab 3 sind wir auf, frühstücken, packen, bauen die Zelte ab. Als ich meine Schuhe anziehe, denke ich: „Fuck, wie soll ich denn so heute nochmal 26 km laufen?“ Tanja spürt den Vibe und verzichtet auf die gemeinsame Strategiebesprechung für den Tag – sie gibt heute das Tempo vor, ich hechte hinterher. Am Anfang ist es etwas hart für mich, aber als einmal Körper, Füße und Geist warmgelaufen sind, bin ich ihr unendlich dankbar. Einfach machen, war heute die beste Strategie. Ich laufe mehr: Kurze Schritte, kurzer Bodenkontakt ist für meine Blasen besser. Tanja marschiert in großen Schritten vor mir her. Beide sind wir mit derselben Pace unterwegs – wir müssen ein komisches Bild abgegeben haben. VP 1 erreichen wir kurz vor Sonnenaufgang, kurzer Toilettenstopp und weiter. Kurz danach eins unserer absoluten Highlights: Es geht bei Sonnenaufgang auf eine große Düne rauf. Und auf der anderen Seite durch den tiefen Sand die Düne runter – ich roll langsam mit „Handbremse und Sicherheitsgurt“ runter, Tanja legt gekonnt eine Schussfahrt hin und zieht johlend an mir vorbei. Unten kurzer Schuhcheck: Die Salomon Wüstenschuhe haben dicht gehalten – ein Traum!
Auf den letzten 10 km legen wir wieder einige Lauf-Geh-Wechsel hin und als wir das Ziel sehen können, sind die Emotionen on fire. Wir laufen den letzten km und fallen uns in die Arme, nachdem wir im Ziel das Metall um dem Hals gehangen bekommen haben. Was für ein Ritt!!!
Tanja hat es für mich perfekt zusammengefasst: „Man zahlt dafür, seine Komfortzone zu verlassen, sich zu quälen, bei 40 Grad durch die Wüste zu laufen, aus Tüten zu essen, auf dem Boden zu schlafen, 4 Tage nicht zu duschen, keinen Handyempfang zu haben und auf einen Toilettenstuhl mit Tüte zu gehen!
Man bekommt dafür ein atemberaubendes und unvergessliches Erlebnis, unendlich viele Gänsehautmomente, einen tiefen Einblick in die Rohversion deiner Selbst, große Dankbarkeit dieses Abenteuer erleben zu dürfen, neue Freunde auf internationaler Basis, das Eintauchen in eine magische Landschaft mit wahnsinnig gastfreundlichen Menschen (Jordanien ist traumhaft schön) und noch so vieles mehr!“
Auf dem Weg zurück ins Hotel halten wir in Petra, wir haben den Großteil von Zeltkreis 66 gefunden und schauen uns gemeinsam dieses Weltwunder an. Es ist wunderschön. Gleichzeitig wirkt ALLES (Petra und die Tatsache, dass wir den MDS gefinished haben) so unwirklich.

Am nächsten Tag wird gefeiert: Siegerehrung, After-Movie-Vorführung, Galadinner, Drinks und dann ist der Zauber (vorerst) vorbei. Aber die Fortsetzung ist schon geplant….

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen