Die Blicke gehen nach vorne

Knapp drei Wochen ist es her, dass Tanja Gebhard und Manuel Kölker beim Transalpine Run gelaufen sind. Während Tanja an Tag fünf von einer fiesen Grippe ausgeknocked wurde, kam Manu immer besser in Fahrt, je länger das Rennen dauerte. Wir haben die beiden mit ein wenig Abstand zum TAR zum Interview über den sagenumwobenen Etappenlauf über die Alpen gebeten.

Schnappschuss vom Vorabend des TAR.

Zurück in der Realität. Wie fällt euer Gesamt-Fazit aus?
Tanja: Der TAR war ein unvergessliches, einzigartiges, absolut berauschendes und forderndes Rennformat. Ich habe jede einzelne Etappe wertgeschätzt und genossen, gleichwohl oft Qual und Genuss sehr eng beieinander lagen. Die damit verbundenen Emotionen und Erlebnisse werden mich noch lange beschäftigen. 
Manuel: Es war auch diesmal eine prägende Erfahrung mit zahlreichen unglaublichen Momenten. Grundsätzlich bin ich, wie auch 2012, einfach nur dankbar über die Chance der Teilnahme und natürlich auch sehr glücklich über das Finish.
Dem Orga-Team um Plan B muss man ebenfalls DANKE sagen. Es ist schon krass, was sie hier in einer Woche alles auf die Beine stellen. Auch wenn es ihr Job ist, die Leistung ist enorm.

Sind eure Erwartungen übertroffen worden oder bist du von bestimmten Dingen enttäuscht?
Manuel: Ich hatte ja einen Vergleich, da ich 2012 schon einmal dabei war. In sofern wusste ich in etwa, was mich erwartet. Die Unterschiede waren aber schon deutlich, allein schon, weil ich damals mit Hendrik im Team gelaufen bin und diesmal alleine unterwegs war. Ich musste diesmal alles alleine meistern. Vor zwölf Jahren hatte ich beim Laufen Hendrik dabei und danach dann Eva, die das Wohnmobil gefahren ist und auch so viel unterstützend dabei war. Diese Backups hatte ich diesmal nicht. Mir war auch nicht mehr so sehr im Kopf, wie wenig Zeit zwischen Zielankunft und Start am nächsten Tag lagen. Man fühlte sich schon ein wenig gehetzt…
Letztlich muss ich sagen, dass der TAR2012 noch ein ganz anderer war als jetzt. Er war gefühlt viel kleiner, viel familiärer und persönlicher, war viel unaufgeregter.
Schade fand ich heuer, dass es einige TAR-Dinner nicht gab. Die Abend-Events, die es gab, waren irgendwie ein stückweit lieblos und irgendwie nichts besonderes. Das hatte ich anders in Erinnerung. Natürlich müssen die Führenden irgendwie geehrt werden, aber das war hier und da schon anstrengend. Vielleicht kann man das irgendwie anders erledigen?!
Grundsätzlich hatte ich erwartet, dass ich wieder auf viele coole Leute treffen werde, mit denen man auch danach in Kontakt bleibt. Ob das so sein wird, wird sich zeigen, aber ein paar sehr nette Bekanntschaften habe ich gemacht.
Tanja: Mir war im Vorfeld nicht bewusst, wie wenig Zeit dem Teilnehmer nach der Tagesetappe unter dem Strich zur freien Verfügung zusteht. Duschen, Regeneration (Massage, TAR Dinner), Race Briefing anhören, Laufweste wieder auffüllen, Laufkleidung je nach Wetter richten, TAR-Tasche packen und schlafen. Volles Programm! 
Enttäuscht bin ich, dass es nicht immer genug Zeit mit der #tarfamily gab. An einigen Tagen gab es das TAR Dinner individuell und nicht zusammen. 

Auf Etappe zwei spielte das Wetter noch mit. Foto: Klaus Fengler.

Was war euer persönliches Highlight? Und auf was hättet ihr verzichten können?
Tanja: Die gefährlichen und hoch alpinen Passagen haben mir mega Spaß gemacht. Klettern am Fixseil mit Helm, Steigeisen, Klettersteig-Passagen- einfach großartig und dann noch der ohrenbetäubende Empfang am höchsten Punkt mit dem traumhaft schönen Ausblick!!! Adrenalin und Emotionen pur!
Manu: Mein Tief am Morgen der dritten Etappe hat mich wirklich heruntergezogen. Als ich es aber geschafft hatte, mich daraus heraus zu ziehen, wusste ich, jetzt kann mich nichts mehr aufhalten.
Ich habe ihn diesem Moment und auch ständig danach die Kraft und die Führung Gottes gespürt. Ich hatte für meine Pause eine Bank neben einem Marienhäuschen gewählt. Passend dazu habe ich den kleinen Antonius, den ich den ganzen TAR in meinem Rucksack hatte, gegriffen und mit den beiden ein paar Worte gewechselt. Manch einer mag darüber schmunzeln, aber danach ging es ab wie Schmitz Katze. Ich hatte alle Fesseln abgestriffen – wow!
Einserseits war dieses Tief etwas, auf das ich hätte verzichten können, andererseits habe ich aber aus diesem Moment so viel Stärke und Selbstbewusstsein gezogen, dass es gut war, es genauso erlebt zu haben.

Auffie! Foto: Klaus Fengler

Wie hat dir die Orga gefallen? Hättest du Verbesserungsvorschläge?
Manu: Wie schon gesagt, was Plan B hier leistet, ist enorm. Natürlich war es uncool, dass gleich zweimal unsere Koffer nicht geliefert wurden und wir dadurch viel Zeit abends verplempert haben, bis sie dann endlich da waren – aber okay, Fehler passieren, Schwamm drüber.
Ich fand die Verpflegungsstellen spitze, mit einer kleinen Einschränkung: Bitte, bitte auch andere Teesorten als Früchtetee. Und bitte auch keine verdünnte No-Name-Cola.
Tanja: Super! Keine Verbesserungsvorschläge! PlanB kümmert sich immer super um seine Läufer. Teilweise waren die Siegerehrungen vielleicht etwas langatmig.

Leider erst ganz zum Schluss kennengelernt: Dorothee und Mario.

Habt ihr „besondere“ Menschen getroffen?
Tanja: In meiner kleinen „Host“ Bubble und der „Startblock-Bubble“ habe ich super viele nette, neue Laufbuddies getroffen. Wir haben Kontakte ausgetauscht und sehen uns bestimmt bei dem ein oder anderen Laufevent wieder! Laufen verbindet alle, unabhängig von der Herkunft, der Natonalität, vom Geschlecht oder Alter- genau das ist das Schöne daran! 
Manu: Ich hatte ja schon im Vorfeld mit Volker einen Menschen gefunden, mit dem ich an einigen Orten ein Zimmer bzw. Bett teilen würde. Das hat super gepasst, auch wenn wir grundverschiedene Menschen und auch unterschiedliche Läufer sind. Cool war auch, mit Mike einen Lauf-Buddy aus Schweich auf den ersten beiden Etappen dabei gehabt zu haben.
Leider sind mir erst auf den letzten drei oder vier Etappen einige Läufer begegnet, die ich gerne schon vorher hätte treffen wollen.
Sehr positiv im Gedächtnis geblieben sind mir die Jungs aus dem Neandertal, zu denen ich schon vor dem TAR kurz Kontakt via Facebook hatte. Sie haben sich nach dem Finish am Reschensee in trockene Klamotten geworfen und sind wieder auf die Strecke, um ihren angeschlagenen dritten Mann aufzusammeln. Wenn ich in diesem Moment nicht so perplex von dieser tollen Idee gewesen wäre, hätte ich mich glatt angeschlossen.
Und bewegt hat mich auch Mario, der viele Lauf-Kilometer in Spendengelder umwandelt und so Menschen hilft, denen es nicht so gut geht.

Wie sehr habt ihr mit euch gekämpft, als der Körper streikte?
Tanja: Bedenkliche Krankheitssymptome steigerten sich im Laufe der 5. Etappe immer mehr. Die Verzweiflung darüber steigerte sich ebenso! Stark erhöhte Herzfrequenz bei niedriger Pace, Schwindel, höllische Kopfschmerzen, beginnende Halsschmerzen, Druck auf die Ohren und Gliederschmerzen. Ich war muskulär und mental so gut unterwegs gewesen und jetzt das!  Ich wollte es nicht wahr haben und war total am Boden! 
Vernunft und Wille haben sehr miteinander gekämpft. Am Ende hat an VP2 die Vernunft gesiegt! Wir haben nur eine Gesundheit und wer krank ist, gehört einfach nicht auf den Berg, sondern ins Bett! Das Risiko einer Herzmuskelentzündung und somit einer langen Laufpause wäre zu groß gewesen. Dafür habe ich zu viele spannende Laufprojekte in der Pipeline und dafür laufe ich zu gerne. 
Im Nachgang war diese Entscheidung zu 100% richtig. Ich war die nächsten Tage richtig krank. Schüttelfrost und hohes Fieber, selbst Spazieren gehen war anstrengend, an Laufen war nicht zu denken! Bitter, aber wahr! 
Manu: Ich hatte, wie oben schon erwähnt, nur eine ernsthafte kurze Phase, in der nicht mehr viel ging. Ich tippe, dass die halbe Pizza, die ich an dem Morgen als Frühstück verdrückt habe, einfach nicht die beste Pre-Race-Verpflegung war 😉
Ansonsten muss ich echt auf Holz klopfen: Während andere morgens im Startblock von ihren Wehwehchen erzählten und stöhnten, ging es mir weiterhin sehr gut. Ich bin mir sicher, dass auch die täglichen Massagen dazu ihren Teil beigetragen haben. Danke an die Physio-Crew an dieser Stelle.

Wenn nichts mehr geht. Foto: Andi Frank

Welche Gedanken gingen dir in dem Moment durch den Kopf und wie denkst du jetzt, einige Tage danach, darüber?
Tanja: Tiefe Traurigkeit, mein großes Rennen nicht beendet zu haben. Enttäuschung und Frust! Aber eine Verletzung, ein Sturz o.ä. wären viel schlimmer gewesen. Zum Glück war und ist ein krankheitsbedingter Rennabbruch für mich entschuldbar, alles andere wäre ein klares No Go gewesen! Ein eigen verschuldetes DNF ist keine Option, dafür ist mein Wille viel zu stark. 

Es ging durch atemberaubende Landschaften. Foto: Andi Frank

Geht ihr das Vorhaben TAR noch einmal an?
Tanja: Ein klares Nein. Das würde wie aufgewärmt schmecken. Da bleibe ich meiner Linie treu. Wäre mir dieser saudoofe Infekt nicht in die Quere gekommen, der eine  Vollbremsung erzeugt hat, bin ich mir zu 100% sicher, dass ich die letzten zwei Etappen genauso gut gerockt hätte, wie die fünf Etappen vorher, die im Grunde genommen auch die schwierigsten Etappen des TARs waren.
Manu: Puh, sag niemals nie, heißt es so schön. Aber die ganze Orga und auch der finanzielle Aufwand waren nicht ohne, so dass ich glaube, hier erst einmal einen Haken machen zu können.
Außerdem, und das nervt mich bei jedem alpinen Trail: Ich beginne immer wieder quasi bei Null. Ich kann noch so viele Kilometer vorher schrubben, noch so oft die Himmelsleiter hoch- und runterlaufen, und trotzdem zwingt mich der erste Anstieg in die Knie. Es wäre mal schön, direkt vom Start weg die Power und den Mut zu haben, richtig Gas geben zu können. Auf der Straße habe ich Jahre für diese Courage gebraucht, ob ich sie am Berg jemals haben werden, weiß ich nicht.

Wie sehen eure Pläne für die kommenden Monate aus?
Tanja: Der Oktober startet mit lockeren 15km im Rahmen des Zeeland Marathons, dann geht es weiter mit dem 3 Länder-Marathon als cep-Pacerin und dem Rothaarsteig Marathon. Im November schließe ich dann das Laufjahr mit dem Kleinen KoBolT, ein 100km Lauf über den Rheinsteig, ab. Für den Dezember ist bewusst kein Wettkampf und keine Challenge geplant. Das Jahr 2024 war intensiv genug😅! Das Jahr 2025 ist schon in Planung… Eines ist sicher: es wird heiß und es wird wild😉…..#stones
Manu: Für mich geht es am kommenden Freitag nach Chicago, wo der dortige Marathon auf mich wartet. Eine absolute Wundertüte. Nach dem TAR bin ich wenig gelaufen, auch weil neben der Regeneration einige Renovierungsarbeiten anstanden. Wie damals in Boston wird es also ein Lauf ins Ungewisse. Das bedeutet aber nicht, dass ich zaghaft beginne. Die Kilometer, die ich schnell laufen kann, werde ich schnell laufe. Und wenn es dann irgendwann nicht mehr geht, genieße ich die Strecke bis ins Ziel.
Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Es gibt einige interessante Trails, ein klassischer Marathon kitzelt mich gerade so gar nicht. Warten wir es ab.

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