Wir laufen und laufen und laufen und laufen

Ironmanu – der Bericht!


Edelmetall!

Edelmetall!

Betrachtet man meinen klitzekleinen Wochenend-Trip nach Valencia und Gandia zum dortigen Ironman am vergangenen Wochenende, so war dies eigentlich ein doppelter Wettkampf, den ich da geleistet habe, denn An- und Abreise waren mindestens genauso anstrengend wie das eigentliche Rennen. Wahrlich, eine unmittelbare 1a-Wettkampf-Vorbereitung sieht sicherlich anders aus…aber von vorne. Oder…erst einmal die Fakten. Alle anderen können dann ja weiterlesen…

Übrigens, das noch kurz vorneweg: Ich sage Ironman, weil sich unter diesem Namen die meisten etwas vorstellen können und das als Synonym für die Triathlon-Langdistanz gilt. Der Veranstalter in Valencia/Gandia war tatsächlich aber ICAN, eine spanische Triathlon-Serie, ähnlich wie die Challenge in Roth oder eben die bekannteste, nämlich die Ironman-Serie. Wie „egal“ der Name jedoch ist und wie schnell dieser gewechselt werden kann, zeigt das Beispiel Barcelona. Hier wurde der Triathlon noch zu Beginn des Jahres von „Challenge“ angeboten, die ihn aber wenig später an „Ironman“ verkauften. Ansonsten änderte sich nichts, lediglich der Namen wurde gewechselt.

I can...

I can…

Jetzt aber los und nur kurz zu den bloßen Zahlen
Nach 12:44:01 Stunden hatte ich das Ding im Sack. Mit der Zeit wurde ich Gesamt-252. (von 333 Startern) und 61. in der Altersklasse M35. Nach 1:30:30h kam ich im lockeren Bruststil als 308. aus dem Meer, strampelte dann genau sechs Stunden und eine Sekunde 180 Kilometer auf dem Rad durch Orangenhaine, Reisfelder und an der Küste entlang und benötigte für den abschließenden Marathon an der Strandpromenade von Gandia quälend lange 5:01h. Ein ätzender Krampf machten aus meiner Paradedisziplin ein Höllenritt.

So weit das sportliche. Jetzt folgt der Rest…und auch der hat es in sich: plötzlich fehlende Teile am Rad, ein Besuch bei der Polizei und ein drohender Verweis aus der Ubahn waren nur einige der spannenden Erlebnisse an diesem Wochenende.

Vollbeladen bis unters Dach.

Vollbeladen bis unters Dach.

Mehr als nur Pappe
Start meines Trips ist am vergangenen Freitag gegen 15 Uhr. Da weiß ich gerade einmal rund 24 Stunden, wie ich überhaupt mein Rad nach Spanien bekomme. Klar, ich hatte bei Ryanair natürlich das Rad als Gepäck aufgegeben (für insgesamt 100 Euro), aber dass ich das ganze Ding ja auch irgendwie verpacken muss, kommt mir erst recht spät in den Sinn.
Krefelds Number-One-Triathlet Matthias Epping hilft mir aber auf die Sprünge: Radkoffer oder Pappkarton, oftmals erhältlich bei Fahrrad-Geschäften, seien die goldene Lösung. Ein Radkoffer kommt für mich nicht in Frage, ab 200 Euro sind die Dinger zu haben. Laut Matthias zwar eine Anschaffung fürs Leben, aber da ich ja nicht vorhabe, die Triathlon-Langdistanz zu meinem Leben zu machen, für mich nicht das Optimum. Der Karton muss also her. Geschickterweise haben sich meine Radboyz, die Weyers-Brüder, gerade erst in den Malle-Urlaub verabschiedet, doch der Rad-Laden auf dem Nordwall kann Abhilfe schaffen. Das Monstrum der Firma Taurus hat heftige Maße: rund zwei Meter in der Länge, 1,30 Meter in der Höhe und 50cm in der Breite – jedenfalls so groß, dass das Ding nicht ins Auto passt und auf die Hälfte geklappt werden musst. Kollege Braun, Hausmeister des Rathauses, lacht sich jedenfalls kaputt, als ich versuche, das Teil irgendwie im Golf unterzubringen.
Doch irgendwie geling es – und zwar so, dass auch noch das Fahrrad darunter geschoben werden kann. Der Blick durch die Heckscheibe ist zwar jetzt nicht mehr möglich, aber immerhin ist die Klappe zu. Koffer und Rucksack müssen auf den Beifahrersitz ausweichen – das erste und einzige Mal, dass es gut ist, dass Eva mich auf dieser Reise nicht begleitet, denn Platz wäre für sie in dem Auto nicht mehr.

„Spanische“ Parkmöglichkeit am Flughafen
Die Anreise nach Brüssel, von wo mein Flieger geht, gestaltet sich unproblematisch. Die Parkmöglichkeit, die ich über Ryanair direkt mitgebucht hatte, kommt dafür umso „spanischer“ daher: eine mit Autos bis oben hin vollgepackte Halle in einem Gewerbegebiet, rund fünf Kilometer vom Flughafen entfernt. Ich frage mich kurz, wie Ryanair auf solche Deals kommt, hake das Thema aber schnell ab. Wird schon passen. Nachdem ich den Pappkarton wieder entfaltet habe, muss ich den Lenker abmontieren, um ihn verstauen zu können. Für mich als Technik-Nichtskönner kommt das schon einer Meisterprüfung nahe. Leider vergesse ich in dem Moment, alle losen Teile irgendwie festzuzurren, was sich noch rächen soll. Das Rad verschwindet mühelos im Karton, den ich dann mit einem gefühlten Kilometer Klebeband für den Flug verschließe. Der Shuttle-Boy schaut recht verdutzt und muss seinen Van, der mich zum Airport bringen soll, erst einmal umbauen, damit alles passt. Am Gepäckband wartet schon ein Kofferboy auf mein Paket, der dieses recht vertrauensvoll annimmt. Zumindest das ist geschafft.

Wo bitte ist mein Rad???
Boarding, Flug und Landung verlaufen problemlos, wenn auch nicht „in time“. Eine gewisse Unruhe umklammert mich, die Busse sind schon weg, auch die U-Bahn wird nicht auf mich warten. Und dass ein Taxi mich mit diesem riesigen Karton mitnimmt, erscheint mir zweifelhaft. Gegen 23.30 Uhr habe ich zwar meinen Koffer, nicht jedoch das Rad. Am Band für Sondergepäck tut sich nichts, und auch die einzige zu erkennende Flughafen-Mitarbeiterin macht nicht den Eindruck, dass sie etwas daran ändern wird. Ob sie mich überhaupt verstanden hat? Natürlich ist es zu viel verlangt, dass man hier, auf einem internationalen Flughafen, Englisch sprechen könnte. Sie zeigt auf das Sondergepäck-Band, das – oh Wunder – ich ja auch schon entdeckt hatte.
Auch der Mitarbeiter am Schalter der Firma Swissport, die für die Gepäckabwicklung verantwortlich sind, will nicht helfen – die Serie „Lost“, die gerade über seinen Bildschirm flimmert, ist eben interessanter. Ein paar spanisch gemurmelte Worte, und aus die Maus. Nach einigem Umherirren durch die Gepäckhalle, erreiche ich dann doch, dass mir jemand helfen will. Eine Dame weist auf eines der hinteren Bänder und siehe da, hier wartet mein Rad bereits auf mich. Leider kullert beim Aufrichten ein Teil aus einem der beiden Trageschlitze, was mir zeigt, dass hier durchaus etwas fehlen könnte.

Ein Spacer fehlt.

Ein Spacer fehlt.

Der Schweiß fließt und der Spacer ist weg
Mit etwas Glück erreiche ich noch die letzte U-Bahn nach Valencia-City, wo mein Radkarton zwar nicht in den Aufzug passt, sich aber mit einer gewissen Kraftanstrengung über den glatten Asphalt schieben lässt. Einen Kilometer weiter stehe ich gegen 1 Uhr nassgeschwitzt vor der Tür meiner Airnbnb-Unterkunft in Ruzafa, einem lebhaften Viertel von Valencia. Pako empfängt mich in seiner riesigen Bude, vollgepackt mit allerhand stylischer Designerkunst aus den 70er-Jahren, und zeigt mir meinen kleinen, aber ausreichenden Schlafraum, in dem ich mich sogleich damit beschäftige, mein Rad wieder zusammenzubauen. Beim Aufbau des Lenkers fällt mir auf, woher das Teil stammt, das mir am Flughafen entgegen fiel: vom Lenker. Auch wenn ich dieses ja noch erhaschen konnte, bleibt eines leider verloren. Per Foto teile ich dies Tim Weyers mit, der mir wenige Stunden später antwortet, dass ich einen so genannten Spacer verloren habe. Was aber nicht schlimm sei, weil wohl von jedem Radservice zu beheben. Trotzdem, auf den Schock gönne ich mir erst einmal ein Bier in der Bar unten auf der Straße. Und schlafe später tief und fest ein.

Wohin mit dem Karton?
Am nächsten Morgen, so der Plan, will ich Valencia erjoggen und gleichzeitig nach einer Möglichkeit schauen, wo der Pappkarton übers Wochenende bleiben kann. Ins rund 70 Kilometer entfernte Gandia, wo der Triathlon stattfinden soll, will ich ihn nicht mitschleppen und Pako ist leider noch nicht wach, um ihn nach einer Lösung zu fragen. Schließfächern auf Valencias Bahnhöfen könnten eine Lösung sein, doch die sind alle ausgebucht. Den Karton irgendwo zu verstecken, würde nicht klappen. Valencia ist unglaublich sauber, Müll oder Unrat auf der Straße sind nicht zu sehen. Der Karton wäre wahrscheinlich schneller entsorgt, als ich gucken könnte.
Kurz schaue ich noch in der Basilika und in der Kathedrale vorbei, lege ein kurzes Gebet ein und renne wieder zurück nach Ruzafa. Pako ist mittlerweile wach und sagt mir zu, den Karton bis Montag aufzubewahren. Natürlich nicht ohne Haken: Pako wird nicht da sein, wenn ich aus Gandia zurückkomme. Er wird das Paket zwar in den Flur stellen, doch irgendwer muss mir natürlich erst einmal öffnen. Einen Plan B gibt es nicht wirklich und ich vertraue auf mein Glück. Wird schon klappen.

Mit dem Rad nach Gandia.

Mit dem Rad im Zug nach Gandia.

Selbstgemachter Sangria zur Begrüßung
Wenig später nehme ich den Zug nach Gandia. Eine Stunde durchatmen. Dort angekommen, umweht mich eine feine Brise von salziger Luft, die Sonne brennt und 25 Grad vermitteln Sommergefühle. Leider teilt mir meine Airbnb-Vermieterin Melissa mit, dass ihr Freund mit dem Auto unterwegs sei, und sie mich leider doch nicht, wie angedacht, vom Bahnhof abholen kann. Und da der Bus mich mit dem Rad nicht mitfahren lassen will, muss ich den Weg, rund drei Kilometer, alleine meistern. Aber kein Problem: Wenig später empfängt mich Melissa und ihr Freund Holger, beides Briten und Englisch-Lehrer, in ihrer toller Wohnung direkt neben der Uni.

Zu Begrüßung gibt es köstliche, selbstgemachte Sangria und kleine Snacks. Holger kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus und auch Melissa ist gebannt von meinem Vorhaben. Dass einen Tag später in ihrem Städtchen ein Triathlon stattfinden soll, haben die beiden nicht mitbekommen – wie auch, denn irgendwelche Anzeichen, wie zum Beispiel Werbung oder so, gibt es hier nicht.


Meine neue Fans: Melissa und Holger
Die beiden sind aber Feuer und Flamme und beschließen, mich zur Meldestation im Hafen zu begleiten, was sich als gut erweisen soll. Denn auch hier spricht kein Mensch Englisch – trotz der Tshirts, die die Helfer tragen. Die Aufschrift „Can I help you? I can.“ wird nicht ganz so ernst genommen. Selbstredend wissen die beiden Jungs am Meldecounter mal so ziemlich gar nichts. Oder sie stellen sich einfach doof, keinen Plan.

Egal, dank Melissa und Holger erfahre ich, dass es trotz Ankündigung in den Teilnahmebedingungen kein Shuttle zurück zum Flughafen nach Valencia gibt (mir droht also die gleiche Prozedur auch auf dem Rückweg), wann und wo der Radservice ist und wo ich erfragen kann, ob Trinkrucksäcke erlaubt sind (mit Händen und Füßen – also nicht auf Englisch – erklärt mir der Oberschiedsrichter, dass sie es nicht sind, was mich in sofern zusammenzucken lässt, weil ich bei meinen letzten Marathons das Teil echt liebgewonnen habe).

3,8 km durchs Meer. Ufff...

3,8 km durchs Meer. Ufff…

Holger: „Ihr werdet gegen die Strömung kämpfen müssen!“
Nahe der Meldestation hängen auch noch einmal die unterschiedlichen Streckenpläne, die Melissa und Holger genau studieren. Denn die beiden beschließen spontan, mich am kommenden Tag anfeuern zu wollen. Sei es beim Schwimmen, während ich auf dem Rad sitze oder auch während des Laufes. Dass das ganze schon um 7.30 Uhr beginnt, scheint ihnen nichts auszumachen, Holger sagt das zumindest. Melissa ist da weniger begeistert, aber ich nehme es ihr natürlich nicht übel, da ich mir nichts dergleichen gedacht habe. Die beiden haben schon jetzt mehr Zeit mit mir verbracht und mich unterstützt, als ich jemals erwartet hätte. Danke für diesen Support.

Holger teilt mir ab sofort übrigens fortwährend mit, dass auf dem Schwimmkurs enorme Gegenströmung herrscht und es schwer wird, hier nicht abgetrieben zu werden. Danke für diese aufmunternden Worte 😉 Ich als bekennender Brustschwimmer mache mir da natürlich überhaupt gar keine Gedanken. Also vielleicht nur kleine. Aber nur ein paar. Wenige. Also ganz wenige. Minimale.

Wir nehmen noch ein paar Drinks und Snacks und weiter geht’s zum Service, der glücklicherweise von einem Deutschen geleitet wird. Er sieht auch tatsächlich sofort, was mir fehlt, sein Mitarbeiter kann es später innerhalb von drei Minuten locker beheben. Ich hätte wahrscheinlich eine Stunde benötigt 😉

Nur nichts vergessen!
Wenig später wartet jedoch ein noch schwererer Job auf mich: Das Packen der verschiedenen Taschen: eine für nach dem Schwimmen, eine für nach dem Laufen und eine für nach dem Finish, alle abzugeben bis 20 Uhr. Nicht einleuchten will mir der Nutzen von zwei weiteren „special need“-bags, die ich getrost von mir schiebe (später soll ich erkennen, dass diese Taschen am Radwendepunkt zum liegen kommen, und dort aufgegriffen werden können).

Ich bin jetzt aber erst einmal gezwungen, mir nun schon Gedanken zu machen, was ich alles brauchen werde – eine Sache, die ich eigentlich immer erst am Morgen des Rennens erledigt habe. Etwas zu vergessen, wäre blöd, weil ich es dann am frühen Morgen noch mitschleppen müsste.

Die Nummer sitzt...

Die Nummer sitzt…

Nicht vergessen darf ich auch die Aufkleber am Oberarm, am Rad und am Helm, auf die die Jury bekanntlich streng achten wird. Also: Konzentration…bis auf wenige Dinge wie zum Beispiel Duschgel vergesse ich auch nichts. Und selbst das ist egal, wie sich herausstellt, weil es gar keine Duschen geben wird.

Abends führen mich Melissa und Holger durch Gandia. Zunächst zum günstigsten Schuhladen der Stadt, um dort Flipflops zu erstehen, die ich am nächsten Tag am Strand lassen muss. Und zum anderen auf der Suche nach Vaseline, die bei so einem Unterfangen nicht fehlen darf…

„Manu, du siehst aus wie Oscar Pistorius!“
Zum Abendessen steuern wir eine unscheinbare Bude an, in der es aber die beste Pizza Gandias gibt. Unglaublich geil. Dabei läuft das Fussispiel Valencia gegen Elche (3:1) und es liegt irgendwie Urlaubsfeeling in der Luft. Ich könnte mir jetzt auch drei oder vier Pilsfässer reinschrauben, so cool ist das gerade. Wir quatschten noch lange und Holger meint, dass ich aussehen würde, wie Oscar Pistorius. Das habe ich ja noch nie gehört. Als ich mit Eva telefoniere, ist er sich sicher, dass ich sie eigentlich durch die Badtüre erschossen hätte und ich gerade mit einem Geist spreche. Was für ein Scherzkeks…

Selfie kurz vor dem Start.

Selfie kurz vor dem Start.

Raceday: Wach ab 4 Uhr morgens
Der Wecker soll um 5.30 Uhr klingeln, doch schon ab kurz vor Vier liege ich wach. Ich drehe und wende mich, aber einschlafen kann ich nicht mehr. Wer jemals an einem ähnlichen Wettkampf teilgenommen hat, kennt das Problem. Ohne, dass man auch nur einen Fuß aus dem Bett gesetzt hat, ist der Puls bei gefühlt 150 Schlägen die Minute. Man schwitzt, ohne sich anzustrengen und macht sich Gedanken über Gedanken. Ich greife irgendwann zu einer Zeitschrift, um mich abzulenken, aber auch das will mir nicht gelingen.

Im Kopf natürlich das Rennen. Wie würde ich schwimmen? Halten die Reifen? Habe ich überhaupt genug Luft drin? Wann habe ich sie denn eigentlich das letzte Mal aufgepumpt? Habe ich sie überhaupt schon einmal aufgepumpt? Und wie ging das noch mal mit dem Reifenwechsel, den ich bei Weyers ja extra trainiert habe? Wie meistere ich meine eigentliche Paradedisziplin, das Laufen? Ab wann kann ich da angreifen und Gas geben. Welchen Schnitt kann ich denn wohl laufen? Unter 5? Könnte schwierig werden, warten wir es einfach mal ab. Also mindestens aber 5.30. Nochmal zurück zum Schwimmen: Wie ist wohl diese Strömung, von der Holger erzählte? Diese verflixte Strömung, die ich bis gestern noch gar nicht kannte. Und das allerwichtigste: Habe ich wirklich gut und richtig trainiert?

Die Spuren des Unfalls sind noch zu erkennen...

Die Spuren des Unfalls sind noch zu erkennen…

Die Unfallfolgen sind noch immer deutlich zu sehen
Gerade die letzte Frage geht mir immer wieder durch den Kopf. Denn nach meinem Unfall Ende August lag ich ja über einen Monat flach. Und als die ersten Wunden verheilt waren, stand die OP an. In der Reha schaffte ich es anfangs nicht, überhaupt so stark in die Pedale zu treten, dass im Computer ein elektrischer Impuls ankam. Das Knicken des Beins: unmöglich. An Training war nicht zu denken und so war auch klar, dass die Muskeln schwinden würden. Natürlich hatte ich, unter Begleitung der Ärzte, Physio Fabian und Guru Klaus, dann irgendwann peu-a-peu begonnen, einen Schritt nach dem nächsten zu machen. Erste Trainings, einen Kilometer gehen, traben, gehen. Langsam steigern. Nicht zu viel wollen. Doch ob es reichen sollte, konnte mir natürlich keiner sagen.

Ein Rad-Wochenende auf meiner neuen „Schwarzen Mamba“ und zwei längere Läufe zeigten mir aber schlussendlich, dass zumindest das Knie halten würde…mehr aber auch nicht. Alles andere wird sich fügen.

Goleo und das Glücksschweinchen - ein unschlagbares Team.

Goleo und das Glücksschweinchen – ein unschlagbares Team.

Goleo und das Schweinchen sind dabei
Erster Toilettengang. Frühstück: Zwei Brote mit Marmelade, dazu Osaft mit Koffein-Mix und Eiweißshake gemäß der Anleitung von Peter Greif. Erster Fitrabbit-Beutel im Schein einer Osterkerze, die ich mitgenommen hatte.
Dann Getränkeflaschen auffüllen. Energy in die eine, Elektrolyte in die andere und eine dritte für kurz vor dem Start.
Zweiter Toilettengang. Eigentlich muss jetzt alles raus, denn wenn gleich der Neo angezogen ist, geht da nix mehr. Die Zeit verfliegt wie im Flug, und dann gibt es kein Zurück mehr. Auf zum Start. 600 Meter sind es von der Wohnung bis zur Bike- und Wechselzone.
Hier herrscht schon emsiges Gewusel, von dem ich mich aber nicht anstecken lassen. Ich drücke noch einmal kurz Goleo und Evas Glücksschwein, die ich beide mitgenommen habe. Dann die Flaschen aufs Rad und im Morgengrauen noch einmal die Reifen aufpumpen, L-Carnitin rein und auch der zweite Fitrabbit. Ich habe mir vorher genau ausgerechnet, wann ich etwas brauche, immer gepolt auf die Startzeit von 7.32 Uhr.

Wo bleibt der Startschuss???
Am Strand dann ein wahnsinnig cooles Bild. Langsam steigt die Sonne am Horizont auf, fast alle der knapp 350 Starter tummeln sich im Wasser, während die 15 Profis schon im Startblock stehen. Das Meer ist ruhig, nur wenig Wellen, aus den Boxen „Highway to hell“ von AC/DC…doch der Start kommt nicht und kommt nicht. Zeit zum Nachdenken. Im Training habe ich für die 3,8 Kilometer immer rund 1:35h benötigt, doch das war im Schwimmbad, ohne Wellen, ohne Konkurrenz und ohne Strömung. Heute dürfen es maximal 1:38h sein, dann greift das Zeitlimit. Viel darf also nicht passieren. Der Moderator erzählt und erzählt und erzählt (natürlich auf spanisch) und es geht einfach nicht los. Zehn Minuten, zwanzig Minuten – was ist hier los? Keine Ahnung, aber dann endlich, nach quälender Ewigkeit, ertönt der Startschuss für die Profis, die vorne direkt los brettern. Sofort füllt sich der Block durch die Normalos und diesmal geht es flott. Für Gedanken bleibt jetzt keine Zeit, Start. Vorneweg rennen sie ins Wasser, ich lasse es gemächlich angehen.

Äh, sieht jemand die Bojen?
Die Bojen draußen im Meer sehe ich übrigens kaum, einerseits, weil sie weitweitweg sind, andererseits, weil die Sonne blendet. Also geht es den anderen hinterher, in der Hoffnung, dass sie zumindest richtig schwimmen. Wie erwartet, zieht ein Großteil von dannen, doch einige bleiben in meiner Nähe. Mein Bruststil ist zwar nicht sonderlich schnell, aber auch nicht der langsamste. Und ich spare Kraft. Zurück schaue ich nicht, denn an der zweiten Boje haben wir schon knapp einen Kilometer zurückgelegt – und das konstant aufs Meer hinaus. Die Sonne durchflutet das Wasser und Plankton ist deutlich sichtbar – ein irrer Anblick, den ich so noch nie wahrgenommen habe. Nun geht es nach rechts, durch die von Holger beschriebene Strömung, auf das längste Teilstück. Und tatsächlich, das Ende der künstlichen Landzunge, die den Hafen von Gandia schützen soll und um die wir herum müssen, kommt irgendwie nicht näher. Gerne würde ich jetzt von meiner Uhr erfahren, wie schnell ich bin, doch auf dem Display steht nur „Kein Sattelitenempfang“ – großartig. Doch da die Schwimmer um mich herum ähnlich schnell (oder langsam) schwimmen, kann es nicht so schlimm sein. Hin und wieder gibt es eine kleine Berührung, aber nichts Schlimmes. Die Boote um einen herum geben mir Sicherheit, doch ich fühle mich auch so gut und habe irgendwie die Gewissheit, ganz gut durchzukommen. Irgendwann bin ich dann um die Landzunge herum und der Blick wandert in den Hafen. Zwei Schwimmer sind mit mir gleichauf, doch ihr Orientierungssinn ist nicht der beste. Mal schwimmen sie nach links, mal nach rechts. Irgendwann entschließe ich mich, komplett nach rechts zu schwimmen, um den beiden aus dem Weg zu gehen. Das Schwimm-Finish kommt näher und näher, jetzt nur noch an der alten Galeere vorbei, die als trendige Bar vor Anker liegt, und dann fertig. Auf den letzten Metern habe ich noch einmal richtig Gas gegeben, wenn man das so sagen kann, und komme vor den beiden ins Ziel. Ich wanke durch das Wasser und trotte langsam in die Wechselzone.

Der Ausstieg aus dem Wasser. Foto: ICAN/Twitter

Der Ausstieg aus dem Wasser. Foto: ICAN/Twitter

Entspannter Wechsel aufs die schwarze Mamba
Nur kein Stress. Ich genieße die Dusche, die das Salzwasser von meinem Körper wäscht. Tatsächlich hatte ich mir genau darüber vorher schon Gedanken gemacht. Das Salz würde doch sicherlich irgendwann brennen und vor allem an den Stellen, an denen eine Reibung entsteht, also an den Beinen oder in den Achseln für Schmerzen sorgen. Ich schäle mich also gemächlich aus dem Neo, kippe den Radbeutel aus und stopfe mir genügend Nahrung in meinen Tri-Suit. Sieht zwar etwas behämmert aus, aber was solls. Wenn gleich der kleine Hunger kommt, will ich vorbereitet sein und nicht nur Gels essen. Zwei kleine Küchlein habe ich im Gepäck, zwei Riegel und zwei Bananen. Köstlich. Ich hatte zwar auch über ein belegtes Brötchen nachgedacht, aber das war mir dann doch etwas zu viel des guten.

Ich esse noch schnell eine Banane, einen Fitrabbit, ziehe einmal am Schweinchenschwanz, dann Helm auf und ab zur schwarzen Mamba. Der Schiedsrichter schaut zwar etwas verwirrt, mit welcher Ruhe ich durch die Zone schlendere, aber ich will nicht in Hektik verfallen. Jetzt ein paar Sekunden zu sparen, erscheint mir wenig sinnvoll, denn schließlich liegen 180 Kilometer auf dem Rad vor mir. Was machen da ein paar Sekunden?

Waden aus Stahl...äh...Eisen.

Waden aus Stahl…äh…Eisen.

Den ersten habe ich nach wenigen Metern
Die ersten paar Kilometer verlaufen an der langen Strandpromenade von Gandia, die ich später noch in voller Gänze kennenlernen soll, ehe es dann raus aus der Stadt geht.
Den ersten Radler kassiere schon gleich, und ich merke schnell, dass mir das flache Geläuf liegt. Meine Waden melden mir unmissverständlich „heute sind wir aus Stahl“ – ein gutes und beruhigendes Zeichen.
Vorbei an der Villa Rustica (Insider!) geht es durch Orangenplantagen gen Norden. Noch weht hier nur wenig Wind, was sich auf der zweiten und dritten Runde ändern soll. Die einzigen Anstiege sind hoch zu Kreisverkehren oder über Brücken, ansonsten ist die Strecke flach wie der Bodensee. Ein paar Berge hätte ich vertragen, aber so ist es auch okay.
Immer wieder tauchen vor mir Radler auf, die ich ein- und schließlich überhole. Mir geht es gut und ich verschwende nur wenig Zeit mit dem Gedanken, ob ich gerade überpace. Ich bin einfach fit und fühle mich toll. Die schwarze Mamba lässt sich gut treten und rollt und rollt.

Alle Straßen verfügen über neuen Asphalt. Genau! Foto: ICAN/Twitter

Alle Straßen verfügen über neuen Asphalt. Genau! Foto: ICAN/Twitter

Motivierte Helfer an der Verpflegungsstation
Die ersten 20 Kilometer verfliegen wie im Flug und schon passiere ich das erste Mal die Verpflegungsstelle. Der Wechsel der Trinkflaschen verläuft einfach, die Helfer hier haben es drauf und sind vor allem richtig motiviert. Und auch die wenigen Zuschauer am Straßenrand gehen voll mit. Das spornt natürlich an.

Übrigens: Die Ankündigung im Streckenplan, es handele sich ausschließlich um neuen Asphalt, sollte man nicht allzu ernst nehmen. Hier und da gibt es schon Streckenabschnitte, die vielleicht in den vergangenen fünf Jahren mal eine neue Decke bekommen haben, der Großteil liegt aber wohl seit Jahrzehnten und ist in einem mittelprächtigen Zustand. Schlaglöcher gibt es zuhauf, eine Passage verläuft sogar auf einem Rollsplit-ähnlichen Relief. „Neu“ ist also das nächste in Spanien recht dehnbare Wort.

Die Radstrecke.

Die Radstrecke.

Semi-spannende Reisfelder bei Cullera
Die größte Stadt, die wir zu durchqueren haben, ist Cullera, das man schon von weitem wegen seines massiven Berges samt riesiger Inschrift erkennen kann. Die Strecke schlängelt sich in der Stadt über verschiedene Kreisverkehre, die aber wegen ihrer Größe im Vollspeed gefahren werden können, wenn man sich denn traut, und über einige fiese Brücken. Hinter Cullera warten dann Reisfelder. Holger hatte mir das angekündigt und erwähnt, wie schön das doch sei. Ich sage da mal eher „naja“. Vor allem, weil ich auf den Philipinen schon weitaus schönere Exemplare gesehen habe.
Wenig später geht es am Städtchen Sueca vorbei, noch einmal eine Brücke hoch und dann dem Wendepunkt entgegen. Ab hier bin ich nun voll im Rennen und beginne endgültig, Spaß daran zu bekommen. Genau die gleiche Strecke (mit einer kleinen Ausnahme) geht es nun zurück. Mir wird nicht, wie befürchtet, langweilig und es macht irrsinnig viel Bock, hier rum zu brettern. Trotzdem versuche ich natürlich, nicht direkt alles zu verpulvern. Schließlich liegen noch 150 Kilometer vor mir, wer weiß, was da noch alles passieren kann. Ich halte mich daher noch etwas zurück und habe eine Durchschnitts-Geschwindigkeit von 29,5 km/h auf dem Tacho.

Mieser Wind
Auf der zweiten Runde ist das Tempo nicht mehr ganz zu halten, denn nun hat sich ein mieser Wind von Norden kommend ins Rennen geschlichen. Ich kämpfe nicht sonderlich an, sondern versuche eher, in der Aero-Position drunter weg zu radeln. Dazu setze ich mir immer wieder bestimmte Marken, bis wohin ich in dieser Lage fahren will. Ich muss zugeben, dass mir dieses Verkrümmen auf dem Rad nicht liegt, auch wenn der Effekt schon deutlich wird. Und was auf der Runde hingefahren wird, wird ja auch schließlich wieder zurückgefahren, sprich, hier hilft der Rückenwind dann doch ein wenig. Mittlerweile habe ich die Durchschnitts-Geschwindigkeit etwas nach oben gedrückt, sie liegt nun bei 30,3 km/h, womit ich ganz zufrieden bin. Zwei Radler versuchen, mich auf Runde zwei zu überholen, doch ich halte dagegen und zwinge sie in die Knie. Ein bisschen Spaß muss sein 😉

Der Schäferhund ist tot
Übrigens kontrollieren mehrere Motorräder, dass man nicht im Windschatten fährt. Das würde gerade im Bereich der Reisfelder Sinn machen, doch dazu kommt es kaum, da die Geschwindigkeiten der Radler in meinem Leistungslevel zu unterschiedlich sind. Es gibt kaum jemanden, der mein Tempo fährt, so dass erst gar nicht die Gefahr entsteht, dass hier gedraftet werden könnte.
Während die Kilometer purzeln, versuche ich, mit den vielen Streckenposten in Kontakt zu kommen. Man grüßt sich und ruft ein paar Worte zu, lockere Stimmung. Weniger Kommunikation herrscht dagegen unter den Sportlern. Jeden Radler, den ich überhole, begrüße ich und frage, ob alles in Ordnung sei, doch nur selten erhalte ich eine Antwort. So versuche ich zumindest die Profis anzufeuern, die mich ab Runde zwei überholen und an mir vorbeifliegen. Ich hatte mir vorher angeschaut, wer so dabei ist, und wusste daher, dass es ein paar Deutsche unter den Profis gibt.
Negativer Höhepunkt aber leider genau zu diesem Zeitpunkt: ein verendeter Schäferhund, der mitten auf einem Feldweg liegt, den wir passieren. Was wohl mit ihm passiert ist? Schweigeminute.

Konstante Geschwindigkeit
Auch als ich auf die dritte Runde einbiege, stellt sich bei mir keine Müdigkeit ein. Zwar schmerzen jetzt Nacken und Rücken ein wenig, doch mehr gibt es nicht zu bemängeln. Ich fühle mich noch immer gut und kann die 30 km/h als Durchschnitts-Geschwindigkeit halten. Vor allem mit der Gewissheit, gleich auf die Marathonstrecke zu können. Vorfreude…

Blick in die Wechselzone. Foto: ICAN/Twitter

Blick in die Wechselzone. Foto: ICAN/Twitter

Der Knöchel reibt
Auch beim zweiten Wechsel lasse ich mir Zeit. Kurzer Plausch mit ein paar Sportlern, von denen es die meisten ebenfalls nicht eilig haben, wieder kurz zum Schweinchen und dann doch los.

Unbemerkt habe ich mir wohl beim Radeln eine schmerzhafte Reibung der Knöchelpartie zugezogen, die jetzt genau an meinem Schuh schubbert. Barfuß will ich die 42km aber nicht laufen und da die Schuhe noch recht neu sind, möchte ich auch nicht an ihnen herum schneiden, um die Reibung zu unterbinden. Mal davon abgesehen, dass ich auch gar keine Schere zur Hand habe. Gehört eben nicht zu meinen alltäglichen Dingen, die ich beim Radfahren oder laufen mit mir führe.

Für den Notfall hatte ich mir aber eine schwache Ibu eingepackt, die ich mir jetzt also gebe. Muss halt sein. Und ist ja auch kein unerlaubtes Doping. So leicht lasse ich mich jedenfalls nicht aus der Bahn werfen, nicht so „kurz“ vor dem Ziel. Und nicht von so einer kleinen Wunde an meinem Knöchel, die zwar weiter am Schuh herumschrammt, aber mich jetzt nicht mehr so stört.

Die Laufstrecke.

Die Laufstrecke.

Die Laufstrecke: Mal wild, mal langweilig
Die 10km-Laufstrecke wird viermal zu laufen sein. Das macht Sinn, denn so bekommen die Zuschauer einiges geboten. Und auch die Läufer haben ständig wen um sich herum.

Dennoch, viermal diese Runde zu laufen, wird irgendwann auch ermüdend sein, da es nämlich auch viermal die sonnengeflutete Landzunge hoch- und wieder heruntergeht und auch die Zone um den Wendepunkt nicht wirklich attraktiv daherkommt: riesige, leere Hotelbauten, umgeben von breiten, menschenverlassenen Straßen. Die Promenade ist dagegen ein Genuss und von Zuschauern prall gefüllt. Der Strand ist kilometerlang und endet in einer wilden, spektakulären Dünenlandschaft. Alle zwei Kilometer gibt es Verpflegungsstellen mit Wasser, Iso und Cola, Früchten, Gels, Riegeln und Sandwiches. Nur Salzstangen oder ähnliches vermisse ich in der breiten Angebotspalette.

Immer wieder begegne ich auf der Strecke Läufern, manche überhole ich, andere überholen mich. Der Rundkurs macht es sogar möglich, dass man jetzt auch die Profis hautnah erlebt. So schnell, wie ich gedacht sind sie eigentlich gar nicht, aber der Unterschied ist schon deutlich zu erkennen. Was sehr gut ist: Es stellt sich so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl ein. Man nickt sich gegenseitig zu oder grüßt sich. Das macht Spaß.

Läuft - wenn auch nur noch auf einem Zylinder...

Läuft – wenn auch nur noch auf einem Zylinder…

Krampf, zieh Leine
Bewusst hatte ich mir verordnet, die ersten fünf Kilometer locker und ruhig angehen zu lassen. Nicht den Geschwindigkeitsrausch vom Rad mitnehmen, etwas runterfahren – denn ein Marathon kann lang werden. Natürlich ist es nicht einfach, Zeiten zu laufen, die man noch nicht einmal bei einer ruhigen Stadtwaldrunde läuft, aber, wie gesagt, ich wollte vorsichtig an die Sache herangehen.
Nach rund fünf Kilometern schraube ich dann das Tempo leicht nach oben. Ich will und kann noch mehr, so mein Eindruck. Bis plötzlich ein fieser Krampf im linken, hinteren Oberschenkel dieses Vorhaben zerstört. Das Ding will nicht gehen, zieht sich hoch bis in den Po und ich habe keinen Schimmer, wie ich es wegdehnen könnte.
Irgendwann legt sich die Verkrampfung, doch jedes Mal dann, wenn ich wieder anziehe, deutete sie sich wieder an. Das kann doch nicht wahr sein. Das auf meiner Paradedisziplin. Ich raste innerlich aus, schmeiße mir ein paar Salztabletten und Magnesium ein, massiere die Partie, doch ohne Besserung. Noch ein paar Mal forciere ich das Tempo, immer mit dem gleichen Endergebnis. Ich weiß leider, dass sich irgendwann so ein Krampf zu einem Riss des Muskels entwickeln kann. Und so bleibt mir nur eine Lösung: weiter locker im ruhigen, für mich jedoch indiskutablen, Tempo laufen. Geht eben nicht anders.

Promenade...

Promenade…

Die Uhr tickt
Die Uhr tickt unaufhörlich weiter und nachdem ich die Drei-Stunden-Marke überschritten habe, weiß ich, dass das hier keine Fabelzeit mehr wird. Bitter, drei Stunden. Noch im März in Barcelona unterschritten, jetzt jenseits der Vorstellungskraft. Natürlich, ich hatte mir gesagt, dass ich eigentlich einfach nur ankommen will, aber da ich so gut durch die anderen beiden Disziplinen gekommen war, ärgert es mich schon ein wenig, hier jetzt Minuten dahin fließen zu sehen.
Irgendwann versuche ich aber, mich damit zu arrangieren. Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Und so geht es wieder und wieder den Strand entlang. Wieder die Landzunge hoch und wieder herunter, Meter für Meter, Bune um Bune, Kilometer um Kilometer. Natürlich werde ich jetzt von einigen Läufern kassiert, die ich eben noch locker stehen gelassen hatte, aber es gibt auch welche, die gänzlich aufhören oder nur noch gehen.
So möchte ich nicht enden, nicht so kurz vor dem Ziel. Kämpfen, zusammenreißen, beißen. Oder, um es mit den Worten von Harry und Koen zu sagen: „Weiter, immer weiter!“
Es ist mittlerweile Abend geworden und die Temperaturen sind ein wenig heruntergegangen. Und irgendwann dann kommt auf einmal die Lust wieder. Schließlich ist das Ziel jetzt irgendwie greifbar.

Endspurt. Dale, der Spanier und ich biegen auf die letzten 200 Meter...

Endspurt. Dale, der Spanier und ich biegen auf die letzten 200 Meter…

Dale, der Spanier und die Wuchtbrummen
Kurz vor dem Ende der dritten Runde lerne ich Dale kennen. Dale, ein Brite, der seit zehn Jahren in Valencia wohnt, wird zeitweise von seiner Frau begleitet. Das ist bewundernswert, denn Frau Dale ist das, was man eine Couch-Potatoe nennt. Zumindest sieht sie so aus. Sie kommt alles andere als sportlich daher, ihre großen Brüste baumeln und schwingen und doch, sie joggt easy neben ihm daher.
Zusammen biegen Dale und ich ein letztes Mal in die letzte Runde, ehe mich mal wieder der Krampf stoppt. Doch ich hole Dale wenig später wieder ein und wir quatschen über Gott und die Welt.
Ein Spanier gesellt sich zu uns. Er verfolgt eine seltsame Taktik. Zunächst geht er, dann spurtet er für wenige hundert Meter wieder von dannen, um dann wieder zu gehen. Damit ist er allerdings genauso schnell, wie wir es sind.
Mittlerweile erhält Dale wieder Unterstützung, diesmal von seiner Tochter. Ebenfalls eher die Kategorie Wuchtbrumme, aber auch sie hält ein paar Kilometer mit. Fein…
Und so absolvieren wir die restlichen zehn Kilometer quasi im Gleichschritt. Dale mit Tochter, der Spanier und ich.

Zieleinlauf. Foto: ICAN/Twitter

Zieleinlauf. Foto: ICAN/Twitter

Da ist es, das Ziel
Und dann ist da irgendwann das Ziel. Noch einmal unter dem letzten Torbogen hindurch, noch einmal um den Kreisverkehr. Die Zuschauer klatschen, pfeifen, johlen. Das letzte von vier Bändchen vom Helfer bekommen.
Ich möchte den Zieleinlauf für mich, lasse Dale und den Spanier ziehen. Auf die Minute kommt es jetzt auch nicht mehr an. Vorbei am Checkpoint, ja – ich habe alle vier Bänder gesammelt. Jetzt noch einmal nach links, dann nach rechts. Und dann ist der da, der Zieleinlauf. Der Moderator schreit meinen Namen, die Zuschauer jubeln, Discolicht und Scheinwerfer überall. Wow. Für einen 12h-Finisher so einen Empfang? Damit hätte ich nicht gerechnet. Das ist echt überwältigend.
Und dann habe ich es geschafft, bekomme die große Medaille umgehängt und das Finisher-Shirt überreicht. Helfer fragen mich, ob alles okay sei. Natürlich ist alles okay. Ich genieße die Atmosphäre, greife mir einen Stuhl, der hier im Zielbereich steht, und nehme Platz. Beobachte. Staune. Klatsche für die nächsten Läufer. Lasse den Tag Revue passieren und ein paar Tränen sammeln sich im Augenwinkel. Wahnsinn!

Da ist sie, die Ironman-Cap!

Da ist sie, die Ironman-Cap!

Ironmanu – eben nicht zu bremsen
Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe mich nicht unterkriegen lassen von vielen Trainingswirren, Radstunden bei Wind und Wetter und vor allem von einem Unfall, bei dem ich vielleicht auch hätte sterben können.
Ich habe mich nach über vier Wochen Trainingsstopp wieder aufgerafft, gegen Schmerzen gekämpft, habe Kilometer gefressen und in der Reha geschwitzt und gezeigt, dass ich es kann.
Dafür danke ich natürlich jedem, der an diesem Projekt mitgearbeitet hat – vor und auch nach dem Unfall. Ich danke denen, die an mich geglaubt haben und irgendwie auch denen, die mir die Sache nicht zugetraut haben. Die einen haben mich gestärkt, die anderen haben mich angespornt, es ihnen zu beweisen. Und das habe ich, ich der Ironmanu. Heheheeee…

Zurück bei Melissa und Holger
Wer jetzt natürlich gedacht hat, dass dies das Ende der Mühen ist > Pustekuchen. Nach Massage und dem Abholen der Sachen in der Wechselzone schaffe ich es noch, mich in dem bestimmt nicht großen Gandia zu verlaufen. Natürlich habe ich kein Handy dabei. Irgendwann bin ich dann aber doch zu Hause und kann nach einem kurzen Plausch mit Melissa und Holger, die mich grandios angefeuert haben, die verdiente Dusche nehmen. Und dann: schlafen.

Back to Valencia
Der nächste Morgen beginnt harmonisch. Holger zaubert mir ein perfektes Frühstück und fährt mich dann sogar zum Bahnhof. Ich kann ihn davon abhalten, mich komplett nach Valencia zu bringen, was er ebenfalls angeboten hat. Aber das wäre dann doch zu viel des Guten gewesen.
Der Zug schwebt durch die gleiche Gegend, durch die ich gestern geradelt bin. Wir passieren Cullera, den Berg und unterfahren die Straßen, über die ich gestern noch „flog“.
Und dann bin ich schon in Valencia. Diesmal bin ich etwas schlauer und nehme mir einen Gepäckwagen vom Bahnhof mit. Pako musste den Karton zwar knicken, um ihn im Hausflur unterzubekommen, aber mit viel Klebeband bekomme ich ihn schlussendlich wieder so hin, dass das Rad hineinpasst. Ach so, ja, mich lässt jemand ins Haus 😉

Das Paket in der Ubahn.

Das Paket darf in die Ubahn.

Mit dem Ding in die Ubahn? Auf keinen Fall!!!
Und dann zur Ubahn. Ein Stündchen habe ich zwar noch Zeit, aber ich will nicht unnötig in Stress geraten.
Alles könnte jetzt so easy sein. Könnte. Doch während ich mir ein Ticket ziehe, eilt eine dienstbeflissene Ubahn-Mitarbeiterin herbei. Ob ich mit diesem riesigen Paket in die Ubahn möchte? Das würde nicht gehen. Ömmm. Waaaas?
Ich erkläre ihr, dass das doch auch beim Hinweg geklappt hat und dass ich damit ja schließlich gleich den Flieger bekommen muss. Ich kann nicht einschätzen, ob sich Madame jetzt nur wichtig machen möchte, oder ob das tatsächlich ein Problem darstellt. Immerhin telefoniert sie wie wild mit allerhand Leuten und versucht zu helfen. Dabei stellt sich heraus, dass sie sogar Deutsch kann. Also bitte.
Wer auch immer sagt ihr dann, dass der nächste Zug zum Flughafen leer sei und ich ihn nehmen kann. Drei Minuten bleiben, um mit Koffer und Karton zwei Stockwerke tiefer in die Metro zu hüpfen, was dank der Hilfe eines weiteren Mitarbeiters gerade so gelingt. Puh…

„Kommen Sie bitte mit zur Polizei“
Valencias Flughafen lerne ich schließlich mehr kennen als mir lieb ist. Zunächst darf ich den Karton samt Rad selber zum Sperrgepäck-Aufzug bringen. Interessant, wie es hier hinter den Kulissen aussieht. Nennen wir es schlicht und einfach „wüst“.
Danach lasse ich mir etwas Zeit und gönne mir ein Siegerbierchen. Ich vertrete zudem stets die Ansicht, mich nicht in die lange Schlange beim Boarding einreihen zu müssen und betrete Flugzeuge grundsätzlich als einer der letzten – so auch diesmal. Beim Checkin werde ich jedoch schon erwartet. „Sie sollen sich bitte unten am Flugzeug beim Sicherheitspersonal melden, das Sie wiederum zur Polizei bringt. Es geht um ihr Gepäck.“ Schluck…
Tatsächlich: Direkt am Flieger steht bereits ein Flughafenmitarbeiter, der auf mich wartet. Er fährt mich mit seinem kleinen Wagen zur Polizeidienststelle. Hier liegt mein Paket, wenig später ist auch die Guardia Civil vor Ort. Alle Beteiligten mustern mich grimmig. Läuft hier der Contest, wer zuerst lacht, ist raus?
Gerne hätte ich von dem Szenario ein Foto gemacht. Aber irgendwas in mir sagte, dass es wohl besser sei, darauf zu verzichten…

Hast du Klebeband, mache ich das Paket auch auf!
Was denn dort drin sei? Na, ein Fahrrad antworte ich. Der Beamte fragt, ob ich das Paket öffnen könne und ich sage „Klar, wenn Sie Klebeband haben, um es später wieder zu schließen.“ Hat er. Gesagt, getan. Der Polizist lässt mich das Paket öffnen und sieht…ein Fahrrad. Welch Sensation. Er überzeugt sich, dass sich sonst auch nichts in dem Karton befindet, und dann kann der Karton wieder verschlossen werden.
Zusammen mit dem Flughafenmitarbeiter hebe ich den Karton auf seinen Caddy, es geht zurück zum Flugzeug, aus welchem der Pilot schon leicht angenervt blickt. Auch die Besatzung und die Passagiere werfen mir nicht die nettesten Blicke zu, als ich den Flieger besteige. Eigentlich sitzt da auch jemand auf meinem Platz, aber ich belasse es bei einem „Ist okay, bleiben Sie ruhig sitzen.“

Entsorgung in Brüssel.

Entsorgung in Brüssel.

Tschüss Karton!
Beim Start genieße ich den Blick über Valencia und bin mit mir im reinen. Dieser Tripp hat sich gelohnt, ohne wenn und aber.
In Brüssel nehme ich Koffer und auch Radkarton in Empfang. Die Pappe hat ihren Soll erfüllt, so dass ich sie direkt vor Ort entsorge. Noch einmal mit dem Monstrum in den Shuttle? Nein danke…Von einem großen Abschiedsschmerz ist nichts zu spüren, hier müssen sich unsere Wege nun trennen. Adios Karton!
Und als ich durch den Ausgang laufe, steht da eine kleine, aber feine Fangemeinde. Eva und meine Eltern jubeln, als sie mich sehen. Blumen, eine Papp-Medaille und ein Willkommens-Plakat werden gereckt. Wow. Welch ein Empfang. In Brüssel. Das muss man auch erst einmal machen. Danke schön. Das haut mich auch jetzt noch um. Wahnsinn…
Wir lassen den Abend in Krefeld bei einem Bier ausklingen und dann ist auch das geschafft.

Empfangskomitee in Brüssel.

Empfangskomitee in Brüssel.

Empfangskomitee in Brüssel.

Empfangskomitee in Brüssel.

Ein Dank geht neben den vielen Helfern auch an die Sponsoren, die mich unterstützt haben: Mama, Pflege Optimal, Die Brille, Sanitär Janssens, by Butzen, Kalda & Mayntzhusen, Lißewski & Partner, life-Magazine, Bellasai & Sigmund, Choya, Masterhand, Control und Radsport Weyers. Danke euch allen. Danke, dass ihr an mich geglaubt habt.

So berichtet die deutsche Presse über den Wettkampf
http://www.triathlon.de/ican-valencia-peter-seidel-mit-premieren-sieg-auf-erster-langdistanz-72582.html

http://www.tri2b.com/triathlon-news/ican-gandia-valencia-peter-seidel-mit-premiere-sieg-auf-erster-langdistanz

Hier der Film der Veranstalter: https://www.facebook.com/video.php?v=870328326325478

Und hier noch ein weiterer Film…

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