Wir laufen und laufen und laufen und laufen

Tief im Westen

30 Kilometer standen mal wieder auf dem Programm – und anders als in der Vorwoche wollte mich keiner der Seidenraupen begleiten. Okay, vielleicht mag es am recht frühen Start von 16.30 Uhr gelegen haben – oder doch am leichten Schneeregen? Egal. Auf jeden Fall stand dadurch für mich fest, mal ein anderes Laufgebiet zu testen: den Süd-Westen unserer geliebten Samt- und Seidenstadt. Der Lauf sollte mich zu einigen Ecken Krefelds und Umgebung führen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Startpunkt war das Rathaus, ehe es mit einem kleinen Schlenker durch den Stadtgarten und den Kaiser-Wilhelm-Park über die Kempener Allee zur ersten Unbekannten ging: Holthausens Kull. Der kleine See in der Nähe der Horkesgath hatte mich schon deswegen immer interessiert, da hier ein kleines Restaurant (http://www.restaurant-lakeside.de/index.html) schlummert (oder schlummerte. Laut Website ist das Lakeside aktuell geschlossen). Einst lockte das ehemalige Baggerloch als Strandbad Westpark tausende Menschen ins kühle Nass, heute würde hier wahrscheinlich keiner mehr baden. Der Badebetrieb wurde schließlich 1973 eingestellt. Der Zustand heute wirkte eher trostlos, was aber auch am miesen Wetter gelegen haben kann.

Weiter gings. Über eine Querverbindung landete ich schließlich auf der Peter-Lauten-Straße, über die Sankt-Töniser-Straße gings weiter. Vorbei an den Stadtwerken folgte ich der Straßenbahnlinie 041, deren Endhaltestelle mein nächstes Ziel war. Zwar hatte ich schon etliche Male in St. Tönis Fußball gespielt, in den Stadtkern hat es mich aber noch nie verschlagen. Premiere Nummer zwei also. Viel ist zur City nicht zu sagen, ein paar Geschäfte und eine kleine Fußgängerzone. Im Sommer mag das ganz nett aussehen, im Winter eher nicht. Auch der Endbahnhof des Schluffs kam etwas mau daher…

Nächster Fixpunkt war der Forstwald – genauer gesagt der kleine Zipfel, der sich westlich des Forstwaldes befindet. Über den Ostring, die Willicher Straße, Nüss Drenk und Hückelymaystraße befand ich mich schließlich auf der Haus- und Hofstrecke von Ali. Gerade im Forstwald hatte ich auch gleich eine flotte Läuferin voraus, der ich natürlich zeigen musste, dass ich noch mehr kann 😉

Das Hotel Praaßhof.

Das Hotel Praaßhof.

Der Wald zwischen Plückertzstraße und Stockweg war dann ein Erlebnis. Dass es immer dunkler wurde, hatte ich natürlich gemerkt, passend zum Ambiente zogen jetzt auch dichte Nebelschwaden auf, die das ganze in ein mystisches Ambiente tauchten. Soll ich wirklich? Ich muss, schließlich wollte ich schon immer wissen, was sich hier befindet. Außer Bäumen nicht viel, dachte ich, ehe ich ein paar hundert Meter weiter vor Trümmer und Schutt stand. Was das wohl ist bzw. war? Ein Relikt der Engländer, die hier bis 2002 eine Kaserne unterhielten? Oder doch etwas ganz anderes? Meine Recherchen ergaben, dass es sich um Reste des Hotels Praaßhof handelt. Die „Heimat“ schreibt dazu: „Ab 1900 wurden dann weitere Häuser gebaut, wie das Haus Rehorn an der Plückertzstraße. Sogar ein Hotel für Übernachtungsgäste am Degensweg entstand. Dieses wurde von dem
Krefelder Architekten Buschhüter errichtet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde es von allen möglichen Militärstäben requiriert, aber leider wurde das Hotel in den 1970er Jahren wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen.“ (http://www.heimat-krefeld.de/website/dieheimat/2007/78_2007_gesamt/028-035.pdf) Schaut man auf das Gebäude, ist es fast zu bedauern, dass es das Hotel schon so lange nicht mehr gibt.

In dem Waldgebiet orienierte ich mich jetzt fast nur noch an weißen und lila Markierungen an den Bäumen, da ein Weg kaum zu erkennen war. Letztlich bin ich mir auch nicht sicher, ob ich auf Pferdewegen unterwegs war oder doch auf einem richtigen Wald- und Wanderweg. Zurück im Forstwald war es jetzt richtig duster. Bis auf zwei Hundehalter hatte sich auch keiner mehr getraut, hier herum zu laufen. Eigentlich hatte ich mir ja auch noch den Südpark vorgenommen, doch außer meiner Hand vor Augen (wenn überhaupt) hätte ich da wahrscheinlich nichts gesehen.

So ging es weiter über die Gladbacher Straße (einen Fußweg suchte ich vergeblich, so blieb mir, aufgrund der vorbeirasenden Autos nur der schlammige Seitenstreifen), der ehemaligen Heimat meines Vaters, und am Stahlwerk vorbei. Gespenstisch ragten die Gebäude in den Nachthimmel, während auf der anderen Seite die Kicker des CSV Marathon auf der Edelstahl-Kampfbahn trainierten.

Schon wenig später strahlten mir messingfarbene Kessel entgegen, ich passierte die Königshofer Brauerei. Schon gemein zu wissen, dass hier Hektoliter an köstlicher Flüssigkeit durch die Rohre fließen, während ich bei nasskalten zwei Grad vorbeilaufe…egal. Das Ziel war schließlich in greifbarer Nähe.

Eine Sache interessierte mich noch: der sagenumwobene Krefelder Straßenstrich, über den in den vergangenen Wochen so viel berichtet wurde. Geht es hier wirklich zu, wie im wilden Westen? Mitnichten…auf der Neuen Ritter Straße: Fehlanzeige. Kein einziges Mädel. Und um die Ecke? Eine Dame! Na, wenn das kein besorgniserregender Zustand ist 😉

Drei Kilometer später war ich schließlich am Dürerpalast, die warme Dusche hatte ich mir verdient…

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